Fokus: Radical

Ausgerechnet in einer Zeit der politischen Radikalisierung hat das Kino seinen Biss verloren. Selbst Filme, die wir nicht dem Mainstream zuordnen würden, kommen zumeist stromlinienförmig und marktkompatibel daher. Sind dann angriffslustige und polarisierende Ausprägungen gefragt, stoßen wir oft auf den Kurzfilm. Wir machen uns daher auf die Suche nach dem Radikalen – und das im für viele BeobachterInnen „unradikalsten Zeitalter der Filmgeschichte“.

Der Begriff des „radikalen Kinos“ kommt ursprünglich aus den 1960er und 70er Jahren, als die US-Linke und v.a. die Frauenbewegung sich mit politischen Dokus gegen den Rassismus, Sexismus und die Homosexuellenfeindlichkeit des Establishments zur Wehr setzten. Auch die französische Nouvelle Vague oder der Neue Deutsche Film wurden zu ihrer Zeit als radikal bezeichnet, in Österreich hat zu dieser Zeit die Avantgarde die klassischen, konservativen Konventionen gesprengt. Heute assoziieren wir das radikale Kino eher mit dem Vermögen zu provozieren oder ästhetische, moralische, gesellschaftliche Fragen mit neuartigen und persönlichen Ansätzen zu verfolgen: direkt, politisch, ästhetisch und inhaltlich wagemutig, manchmal wuchtig, manchmal subkutan.

In diesem Kontext widmen wir uns dem animierten Universum der Künstlerin Mariola Brillowska, dem gar nicht so unschuldigen Musikvideo sowie den radikalen „Girls with Guns“ – und wir führen das Konzept des Dreiecksprogramms fort: Während sich das Encounters Short Film and Animation Festival aus Bristol (UK) der politischen Radikalisierung auf filmischer Ebene annimmt, widmet sich das Riga International Film Festival 2ANNAS im Rahmen des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2014 einem spannenden TV-Experiment der frühen 1990er Jahre. VIS wiederum spürt auf ästhetischer Ebene der Idee eines sich unter die Haut schleichenden Kinos nach. Alle drei Programme feiern in Wien Premiere und werden im Anschluss auch in Bristol und in Riga zu sehen sein.