Menschliche Grausamkeit in seiner schönsten Form

Eine Filmkritik von Cornelia Lang

Diffuse, unbestimmte Elemente, Farben und Schnelligkeit. Man weiß nicht genau wo man ist, was geschieht. Kurze Eindrücke, doch nichts Konkretes. So herrscht am Anfang des Films einige Sekunden lang Verwirrung, bis sich das wilde Treiben beruhigt und die rasante Jagd durch das Dickicht aus Gräsern und Blättern endet. Ein kleiner Junge, der mit seiner hart arbeitenden Mutter in einer bescheidenen Hütte lebt, bastelt an seinem neuen Spielzeug – ein kleines Segelboot. Er führt trotz der Lebensverhältnisse, wie es scheint, eine unbekümmerte Kindheit. Doch dieser wird ein jähes Ende gesetzt, als der Junge – nett angezogen und mit einem Schlüssel um den Hals – von seiner Mutter zu einem abgelegenen Schuppen geschickt wird. Der Junge ahnt nicht, was ihn dort erwarten wird. Ein Kaleidoskop schenkt dem Kind mit seinen zauberhaften und fantastischen Formen und Farben noch einen letzten sorglosen Moment. Als es zu Boden fällt, zerbricht es und damit auch die Unschuld des Jungen. Als er den Ort wieder verlässt, liegt seine kleine unbekümmerte Welt in Scherben. Er beschließt, sich vom Fluss forttragen zu lassen – wie sein kleines Segelboot – nur gelenkt von Strom und Wind.

Zbigniew Czapla erzählt in seinem Kurzfilm auf beindruckende Art und Weise die erschütternde und ergreifende Geschichte eines kleinen Jungen, dessen heile Welt von einem Moment auf den anderen zerstört wird. Ohne das Thema der Vergewaltigung je direkt zu zeigen oder anzusprechen, wird dem Betrachter durch die Anordnung der Geschichte, die hochgradige Symbolik der Bilder und die emotionale Strichführung der Aquarelle der Ernst der Lage sofort bewusst. Die düsteren Farben und bedrohlichen, schnellen Bewegungen, mit denen der Schuppen und der „Kinderschänder“ charakterisiert sind, bilden einen starken Kontrast zur Freiheit und Unbeschwertheit von Kindheit und Natur. Czapla zeichnet so auf sensible und subtile Weise das Bild einer schwierigen Thematik, die in der Gesellschaft nur allzu gerne totgeschwiegen wird. Von Beginn des Films an ist man gefesselt von den eindrucksvollen und facettenreichen Farben. Die Lebendigkeit, die kleinen Farbflecken und Sprenkel überall, die stetige Bewegung und Veränderung der Bilder ziehen einen hinein in eine Welt, der man nicht entkommen kann. Das zeitweilige kurze Einfrieren einzelner Bilder wirkt wie ein Zögern, ein kurzes Atemanhalten oder Abwarten, fast so, als würde man nicht weiter wollen, um dem Unvermeidbaren doch noch zu entkommen. Die andauernden und hektischen Bewegungen der Bilder kommen erst zur Ruhe, als der Junge sich in Sicherheit fühlt: allein in einem Fass auf dem Fluss. Überall scheint es besser zu sein als in den Fängen des grausamen Mannes.

Und als hätten die Bilder nicht schon für sich eine unheimliche und intensive Wirkung, unterstreichen präzise gesetzte Geräusche und dramatische Musikelemente die Handlung. Die Dramatik der Geschichte wird weiter gesteigert durch ein Lied, welches die Mutter singt als sie ihren verschwundenen Jungen sucht. Die Tatsache, dass dies die einzige Stelle im Film ist, an dem Worte – wenn auch gesungen, – zu hören sind, verleiht ihnen umso mehr Gefühl, Tiefe und Gewichtung. Das Segelboot, die Blätter und Federn, der Wind und der Fluss verweisen immerzu auf Freiheit und Flucht. Drei leere Holzfässer, die auf dem Wasser treiben, sollen schließlich verdeutlichen, dass der kleine Junge wohl nicht der einzige im dunklen Schuppen war – und auch nicht der letzte bleiben wird.

Toto hinterlässt seinen bleibenden Eindruck – nicht nur durch die beeindruckend detail- und farbenreiche Aquarelltechnik und kreative filmische Umsetzung. Vor allem die intensive Emotionalität und symbolische Ausdrucksweise, die noch lange nachhallen, sorgen für ein überraschend gelungenes Filmerlebnis. Man ahnt zu Anfang des Films nicht, welchen tragischen Ausgang er nimmt. Grün als dominierende Farbe ist eigentlich ein Farbton, der für Hoffnung steht. Doch von Hoffnung ist am Ende nicht mehr viel übrig. Was bleibt ist ein tiefes Gefühl, irgendwo zwischen Beeindruckung und Bestürzung. Der Animationsfilm ist schon allein durch die Tatsache, dass jedes einzelne Bild ein Kunstwerk für sich darstellt, äußerst sehenswert. Doch das heikle Thema, welches auf so gefühlvolle Weise interpretiert wird, macht diesen Film zu einem wahren Meisterwerk.

Verwirrung auf malerischer Ebene

Eine Filmkritik von Barbara Windisch

In Toto erzählt Zbigniew Czapla die Geschichte eines kleinen Jungen, der mit seiner hart arbeitenden Mutter in einer kleinen Hütte am idyllischen Land lebt. Der Junge scheint ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. An einem sonnigen Tag macht er sich mit einem Schlüssel in der Hand auf den Weg, um für seine Mutter etwas zu besorgen. Dabei wird er von einer mysteriösen Gestalt in eine dunkle Kirche gelockt, die ihm ein Kaleidoskop schenkt, das die letzten bunten Stunden des Kindes symbolisiert. Als das Spielzeug zu Boden fällt und kaputt geht, zerbrechen mit ihm auch die letzten Momente der Kindheit und Unschuld des Jungen. Von Verwirrung und Unklarheit erfasst, verlässt er diesen Ort wieder und legt sich in einen Fluss, von dem er sich wie sein Segelboot forttragen lässt.

Mit Toto gelang Zbigniew Czapla eine wunderbare Kombination aus zuvor gedrehten Realaufnahmen und einem expressionistisch-malerischen Animationsstil. Er hebt die reale Welt damit auf eine abstrakte Ebene, die den Zuseher das Geschehen ganz neu wahrnehmen lässt. Mit rasanten Bildern zeigt er zu Beginn des Films die Umgebung der Geschichte, die bereits auf die spätere Verwirrung des Jungen verweist und die Bedrohung, der er sich später aussetzen muss. Czapla wählt eine beeindruckende Weise, um dem Publikum das Geschehen näher zu bringen, ohne direkt auszusprechen, aus welchem Grund die heile Welt des Jungen so plötzlich zerbricht.

Die Farbauswahl des Animationsfilms ist sehr bunt, aber jeweils der Situation angepasst. Je ernster die Lage, umso dunklere Farben werden gewählt. Die expressionistische Malerei lässt den Zuschauer klare Bilder erkennen und die Bedeutung dieser sofort ins Bewußtsein rufen. Schnelle Bewegungen der Bilder verdeutlichen die Gefahr, die auf den Jungen zukommt und werden immer dann langsamer, wenn er sich in der Geborgenheit seiner Mutter befindet oder später, nach dem Verlust seiner kindlichen Unschuld, in Sicherheit weiß.

Mit diesem Kurzfilm gelang es Zbigniew Czapla den Zuschauer sowohl mit seiner tiefgründigen Thematik, als auch mit der fabelhaften Technik in seinen Bann zu ziehen und ein beeindruckendes filmisches Erlebnis zu schaffen. Man beginnt eine Reise durch das Leben eines Jungen, die von Verwirrung und Angst geprägt wird und fühlt jede Sekunde des Leidens mit. Toto ist nicht nur aufgrund seiner mitreißenden Geschichte ein absolutes Meisterwerk, sondern jedes einzelne Bild stellt für sich allein bereits ein riesiges künstlerisches Werk dar.