Eine einzigartige Zeitreise

Eine Filmkritik von Kevin Pabst

Ich muss gestehen, dass ich nicht gerade mit dem größten Enthusiasmus geschweige denn Erwartungen in das Programm Animation Avantgarde gegangen bin. Denn so sehr ich unkonventionelle Kunstfilme liebe, ich war mir ziemlich sicher für zwei Stunden bedeutungslose Laufbilder, die eine „höhere Message“ verkünden, zu sehen. Dies hat sich bei einigen Filmen leider bewahrheitet, die meisten jedoch waren einfach nur Klasse. Besonders hat es mir Time Tunnel von Dirk Koy angetan, weil ich so eine verrückte, innovative Idee des Filmemachens noch nie gesehen habe und ich eine sehr große Affinität zur unkonventionellen Kameraarbeit hege. So zählen die schwebende Kamera Gaspar Noe’s aus dessen Film Irreversible und Darren Aronofskys „Snorricam“ aus Requiem for a Dream zu den Kameraarbeiten, die mich am Meisten begeistern.

Mittels einer Kamera und einem rotierenden Autoreifen generiert Dirk Koy eine psychedelische Reise durch die Zeit. Der Schweizer montiert eine kleine Kamera – es handelt sich wahrscheinlich um eine „GoPro“-Kamera – mit einer hohen Framerate auf den Reifen eines fahrenden Autos. Besser gesagt auf den Reifen eines rasenden Autos, denn Koy jagt sein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h durch das nächtliche Basel und die schweizerische Landschaft bei Tageslicht.

Die rasante Reise beginnt mit der schiefen Einstellung eines nächtlichen Stadtteils, die Verwirrung beim Zuschauer auslöst. Sobald aber das Auto/die Animation startet, wird man mit LSD-getränkten Farben und Ellipsen konfrontiert. Was auf den ersten Blick ein von Radiohead inspiriertes Musikvideo sein könnte, wird bei näherer Betrachtung – und weiterem Fortschreiten des Filmes – als die Rotation des Reifens bei einer Fahrt enttarnt. Koy macht diese Aufklärung möglich durch das Einspielen von Sequenzen, bei denen der Reifen langsamer rotiert bzw. das Auto langsamer fährt. Besonders gut kann man dies bei den Landstraßen erkennen, da man bei manchen dieser Einstellungen auch vorbeifahrende Autos sieht. Ob dies gewollt ist oder nicht, weiß nur der Filmemacher.
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Laut Koy besteht der komplette Film aus unterschiedlich schnellen Einstellungen aus der Perspektive des Reifens, welche nachträglich in Farben „getaucht“ und jeweils miteinander überblendet wurden. Jegliche Art von CGI hat der Künstler abgelehnt. Dies ist auch der Grund warum mich dieser Film am meisten begeistert hat: Während viele der animierten Avantgarde-Kurzfilme mich mehr an missglückte Versuche eines iTunes-Visualizers erinnert haben, war Time Tunnel doch eine sehr inspirierende und ästhetische Arbeit.

Auch der Name gibt Hinweise auf die Handlung des Filmes, denn wir sehen nicht mehr als die Fahrt eines Autos, eine Fahrt, welche Zeit in Anspruch nimmt, eine Fahrt, welche auf die wohl innovativste Art inszeniert wird. Eine Fahrt durch eben jene Zeit die sie im Titel anspricht.
Ich empfehle jedem, der fünf Minuten zur Verfügung hat, den Film anzusehen und sich selbst von der Innovation und Kreativität Dirk Koys ein Bild zu machen.

Eine unkonventionelle Zeitreise

Eine Filmkritik von Daniela Pawelak

Der Regisseur Dirk Koy realisiert eine etwas andere Reise durch die Zeit, indem er eine Kamera mit einer hohen Framerate außen auf einen Autoreifen montiert und mit diesem PKW nun unterschiedliche Geschwindigkeiten fährt, die sich zwischen 0 und 140 km/h bewegen. Da sich die Umdrehungen des Reifens je nach Geschwindigkeit ändern, bewegt sich auch die montierte Kamera unterschiedlich schnell mit, die Aufnahmen sind daher teilweise sehr schnell und dann wieder langsamer.

Zu Beginn wird dem Zuschauer der Blick durch die Kamera vom stehenden Auto aus präsentiert. Er sieht hier jedoch lediglich einen Teil einer wenig frequentierten Asphaltstraße in einer nächtlichen Stadt. Da die Kamera schief auf dem Rad montiert ist, stiftet dies beim Zuschauer zunächst Verwirrung: schließlich muss er sich erst in dem dargestellten Raum zurecht finden. Dafür hat er allerdings kaum Zeit, denn ehe er sich versieht, gibt der Fahrer Gas und rast durch die Dunkelheit. Zunächst ist dem Zuschauer nicht bewusst, um welche Animationsmethode es sich handelt, denn es werden zu Beginn sehr schnelle Szenen gezeigt. Das rotierende Rad wird erst erkennbar, als das Auto langsamer fährt, man einen zweiten PKW sieht und in den später folgenden Tagszenen einige Bäume erkennbar werden.

Nun werden die Straßenbeleuchtungen offenbar zum Hauptaugenmerk des gesamten Filmes. Da die Kamera die Rotationen des Reifens aufzeichnet, ergeben die Lichter unterschiedliche Kreise und Figuren. Diese wurden im nächsten Schritt am Computer vermutlich schneller oder langsamer gedreht, vorwärts bzw. rückwärts gespult, farblich verändert und montiert, sodass sie ein stimmungsvolles und temporeiches Muster ergeben. Es werden aber auch Aufnahmen gezeigt, die bei Sonnenschein auf ruhigen Landstraßen entstanden sind und mit ähnlichen Mitteln wie die Nachtsequenzen bearbeitet wurden. Somit ergibt sich eine angenehme Mischung aus Tag- und Nachtszenen. Um einen reibungslosen Übergang zwischen den einzelnen Sequenzen zu garantieren, wurden Blenden eingefügt.

Die Musik wurde im Nachhinein unter die Bildebene gelegt und vermutlich eigens für diesen Film erstellt. Die Bildebene sowie die Tonebene sind aufeinander abgestimmt, sodass sie ein schwungvolles Gesamtbild ergeben und die Geschwindigkeiten zu den Sequenzschnitten passen.

Da man anfangs nicht sieht, dass The Time Tunnel aus rein real gefilmten Szenen besteht und auf jegliche CGI (Computer generierte) Bilder verzichtet, hat mich der Film persönlich sehr fasziniert und angesprochen. Ich denke, dass gerade diese Art der Darstellung eines der Hauptmerkmale des Filmes ist. Der Regisseur stellt damit auf eindrucksvolle Art unter Beweis, dass man in einem Computer- und Informationszeitalter wie wir es heute erleben, trotz allem raffinierte Filme ohne CGI Bilder erstellen und inszenieren kann.

Dirk Koy beschreibt eine Reise durch die Zeit, auf eine etwas andere, weniger konventionelle Weise, als man es normalerweise gewohnt ist. Er kreiert einen kinematischen Tunnelblick, eine visuelle und auditive Achterbahnfahrt im besten Sinne.