Alles fließt

Eine Filmkritik von Helmut Emersberger

Unrealisierbar. Aber dieses Stück Film wäre vermutlich aus der Perspektive der meisten Fenster einer Stadt hochinteressant. Würde man nur über die Fähigkeiten, die Geduld, das technische Rüstzeug und das Feeling jenes Yann Chapotel verfügen, der auf Basis einer fixen Kameraeinstellung über ein Jahr hinweg einen einzigen Platz in Paris mit allen seinen Metamorphosen dokumentiert und dadurch sowohl dem Vergessen entreißt, als auch in seiner Vielgestaltigkeit erkenn- und genießbar macht.

Konventioneller Straßenverkehr, auf Viadukten verkehrende U-Bahnen und Hausfassaden, eine Nebenstraße und ein Vorgarten. Der O-Ton weist den Schauplatz als erstaunlich ruhige Ecke einer pulsierenden Metropole aus. Konstant bleibt der Platz, die Position. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die sich in diesem Raum, zum Teil mit den verschiedensten Fahrzeugen, bewegen und einander begegnen. Die Begegnungen finden in der filmischen Erscheinung statt; und zwar nur in dieser. Chapotel vermengt Jahreszeiten, Akteure, Situationen, Objekte sowie Tag und Nacht mithilfe einer kinematografischen Technik, in dieser Gestaltung bisher ungesehen. Er überblendet in Form eines scheinbar transparenten, virtuellen Kubus, der um die eigene Achse rotierend sich durch den Bildausschnitt bewegt, Bilder aus verschiedenen Zeitkontinuitäten und montiert auf diese Weise – jede Fläche des Würfels repräsentiert eine andere Handlungsebene – scheinbar unzusammenhängende Vorgänge in einem räumlich starren Rahmen harmonisch fließend.

Anfangs oszilliert nur ein Würfel im Raum, Kinderwagen-schiebende Mütter kommen auf uns zu, Fahrradfahrer kreuzen das Bild; auf der linken Seite ein Durchgang in eine uns unbekannte Welt. Personen tauchen auf, Personen verschwinden wieder. Ein zweiter, ein dritter Würfel beginnt sich – Bild in Bild – vor uns zu drehen. Tempo aufnehmend vermehren sich die Kuben, unentwegt morphen Menschen, Positionen und Situationen, die Geräusche der Stadt mischen sich mit Radiogeräuschen von Langwellenfrequenzen zwischen den Sendern; bis ins Unerfassbare.

Dann ist es genug, es wird zurückgebaut, die Zeitreise geht still zu Ende. Man bedauert, keinen in solcher Art gefertigten Film aus seiner eigenen Fensterperspektive zu haben. Schade um das perfekte private audiovisuelle Jahrbuch. Es würde in jeden Haushalt gehören.

Würfelspiel im Pariser Stadtleben

Eine Filmkritik von Constanze Oedl

Straßenverkehr, Stau, öffentliche Verkehrsmittel, Passanten, Kinder, Arbeiter – ein gewöhnlicher Ort in einer Stadt. Der Titel verrät uns, dass wir uns in Paris befinden, jedoch könnte man solch einem Ort auch in jeder anderen Stadt finden. Die Perspektive der Kamera ändert sich während des gesamten Kurzfilms nicht, es wirkt, als sitze man auf einer Parkbank und beobachte das Geschehen. Etwas minimalistisch auf den ersten Blick, kein Perspektivenwechsel, keine Handlung, kein Dialog, selbst der Ton besteht vorerst nur aus Geräuschen, die der Alltag in einer Stadt zu bieten hat.
 
Chapotel bedient sich an einem anderen Mittel, um den Film einzigartig zu gestalten, der 3D-Animation. Im Gegensatz zu der ruhigen Aufnahme des realen Ortes, fliegt plötzlich ein animierter Würfel ins Bild hinein, dessen Seiten jeweils einen Ausschnitt der Grundperspektive zeigen. Jede Seite des Würfels verweist auf eine Stelle, die sich gerade verändert. Ein Passant quert die Straße, ein Rettungswagen eilt vorbei, ein Gärtner kümmert sich um die anliegende Parkanlage. Während also der Würfel durch das Bild schwebt, ändert sich der zu betrachtende Standpunkt und durch die Drehung zeigt jede Würfelseite etwas Neues. Wo es gerade noch schneit, scheint gleich die Sonne und wo gerade noch ein Mann gegangen ist, setzt eine Frau den Weg fort.

Die Bilder wurden an unterschiedlichsten Tages- und Jahreszeiten aufgenommen und zu einem Gemenge aus mehreren Tagen, Jahreszeiten, Personen und Eindrücken zusammengemischt. Die Würfel dienen als Lupen für das verwirrende Suchbild. Doch es fliegen immer mehr und mehr Würfel durch das Bild, bis kaum noch etwas zu erkennen ist. Das Bild ist überladen, die reale Welt wird von den Animationen überdeckt und auch der Ton wird zu einem Gemisch, aus dem kaum noch Einzelheiten heraus zu hören sind – der Höhepunkt des Film ist erreicht.

Die Vorbeiziehenden Würfel wirken wie ein Bilderbuch, durch das geblättert wird, kein Bild lässt sich lange genug Zeit, um zu einer Erinnerung zu werden. Das Gemisch aus Bild und Ton löst sich langsam wieder auf, bis wieder nur mehr ein Würfel zu sehen ist, der wie ein Puzzelstück in der Mitte des Bildes Platz findet und der Film endet, genauso wie er beginnt. Das Anfangsbild stellt sich ein, als hätte man eine Reise durch die Zeit gemacht und es letztendlich wieder zurück zum Ausgangspunkt geschafft.

Chapotels Film macht aufmerksam auf die heutige Lebensweise in einer Stadt. Die schnelle Fortbewegungsart, die Fremdheit und Distanz, die vielen Eindrücke, die Tag für Tag auf einen einprallen und vor lauter Überfluss nicht mehr wahrgenommen werden könne. Erst wenn man sich Zeit nimmt und das Geschehen um sich genauer betrachtet, kann man Details aufnehmen und verarbeiten, was trotzdem nicht einfach zu bewältigen ist. So lässt es auch Chapotel auf uns beruhen, als er den Titel für seinen Film ausgewählt hat. Es ist ja „nur“ der Versuch, einen Ort in Paris auszuschöpfen.

(un)sichtbar

Eine Filmkritik von Svenja Schlossarek

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber was wenn wir zwei Bilder in einem haben? Oder drei? Oder vier, fünf, sechs oder sogar sieben? Genau auf diesem Bild-im-Bild Prinzip basiert der Kurzfilm Tentative d’épuisement d’un lieu parisien (An attempt at exhausting a place in Paris) von Yann Chapotel.

Zunächst erscheint der gezeigte Bildausschnitt noch recht gewöhnlich: eine Gasse in Paris, die links von einer Mauer begrenzt wird, im Hintergrund eine befahrene Straße über die eine Brücke führt, auf der Straßenbahnen fahren. Doch ein virtueller Würfel, der sich drehend durchs Bild bewegt, stört diese herkömmliche Kulisse schnell. Auf jeder dessen Seiten wird zwar immer derselbe Bildausschnitt gezeigt, über welchen sich der Würfel auch gerade bewegt, doch jede Seite stellt einen anderen Zeitausschnitt dar. Eine Seite des Würfels zeigt so zum Beispiel eine andere Tages- oder Jahreszeit an, als die, die wir gerade im Hintergrundbild, über das sich der Würfel bewegt, sehen. Doch nicht nur das ändert sich, je nachdem welche Würfelseite gerade zu sehen ist, sondern auch die Wettersituation und die Personen, die durch das Bild laufen verändern sich. Man sieht ständig Neues auf einem gewohnten Hintergrund.

Chapotel gelingt es diese Übergänge durch den drehenden Würfel so fließend darzustellen, dass sie fast unsichtbar sind. Diese nahtlosen Übergänge perfektionieren das Bild zu einer Art Suchspiel, bei dem in jedem Ausschnitt etwas Neues zu entdecken ist, das aber sofort wieder verschwindet.

Doch wäre diese Szenerie mit einem umherfliegenden Würfel und sich andauernd ändernden Bildausschnitten nicht schon genug, so kommen im Laufe des Films immer mehr virtuelle Würfel mit immer neuen Ausschnitten dazu, die es irgendwann unmöglich machen, alles Gezeigte wahrzunehmen und der Zuschauer einfach nur noch verwirrt wird. Diese Verwirrung kommt auch im Film zum Ausdruck, indem sich alle im Bild schwirrende Würfel überlagern und das Bild letztendlich nur noch verzerren. Der Ton, der bis zu diesem Zeitpunkt nur aus gewöhnlichen städtischen Geräuschen bestand, wie zum Beispiel vorbei fahrenden Autos, geht in ein unangenehmes Rauschen über, das an verzerrte Radiosequenzen erinnert. Die Aufregung legt sich aber nach kurzer Zeit wieder und das Bild wird in den Ausgangszustand zurück versetzt.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Animationen in diesem Film in akribischer Arbeit hergestellt wurden, was nicht zu übersehen ist. Es lohnt sich, Chapotels Kurzfilm mehr als nur einmal anzusehen, da man jedes Mal etwas Neues entdecken kann, dass einem zuvor noch nicht aufgefallen ist.