Bemerkenswert

Eine Filmkritik von Lena Steiner

Lernt man ein paar Arbeiten von Mariola Brillowska kennen, merkt man schnell, dass diese legitimer Weise als extrem zu bezeichnen sind - besonders an ihrem Werk RUSKI MAKE UP, welches 2008 zu seiner Fertigstellung kam. Sie arbeitet mit intensiven, bunten Farben und legt teilweise sehr kritische, teilweise satirische Stimmen darüber. All diese Elemente unterstreichen ihre bemerkenswerte Trickfilmanimation. Ich wähle bewusst das sehr neutrale Adjektiv bemerkenswert, da ich mir bis jetzt nicht sicher bin, ob ich mich zu den Brillowska-Fans zählen möchte. Es ist klar zu erkennen, wie viel Arbeit hinter RUSKI MAKE UP steckt. Die Bildfläche ist meist mit vielen Details versehen, ihre Figuren und Objekte sind großteils abstrakt oder sehr frei positioniert, das Dargestellte schockiert durch Gewalt, Sex und vor allem der scheinbar dümmsten Gesellschaft, die wir in unserer Geschichte bisher hervorgebracht haben. Mit anderen Worte: Ihr Stil ist gewöhnungsbedürftig und absolute Geschmackssache.

Abgesehen davon also, dass ich mit der Art und Weise, wie sie ihre Filme macht, (noch) nicht warm werde – man weiß ja nie, ich möchte hier kein endgültiges Urteil fällen–, kann ich guten Gewissens sagen, dass sich ein Subtext erkennen lässt, der vermutlich mehr von Bedeutung ist als alles, was in unseren österreichischen Zeitungen gedruckt wird. Ohne zu sagen, dass ich alles erkannt und verstanden habe, was in RUSKI MAKE UP angesprochen wird, ist ihr animierter Film ein satirisches Werk, das seine sozialkritische, Politik und Wirtschaft hinterfragende Aufgabe absolut nicht vernachlässigt. Jeder essentiell wichtige Bereich unserer heute scheinbar nicht so ideal funktionierenden Gesellschaft bekommt sein Päckchen Kritik ab. Das Allerbeste daran ist, dass sie tatsächlich wichtige Themen anspricht: Sexualität, Konsumgesellschaft, globale Einflüsse, die über die Wirtschaft bis in unseren Alltag einsickern usw. Wenn man sich nach dieser Arbeit eine unserer Tageszeitungen ansieht, fragt man schnell, ob hier nicht die falschen Prioritäten gesetzt werden. Mit diesem Film hat Mariola Brillowska gezeigt, dass sie mehr Weitsicht hat als viele Politiker.

Kurz: Man kann über ihren Stil sagen, was man will, das Was ist in dem Fall so viel größer, dass RUSKI MAKE UP allein deswegen verdient, als Bereicherung unserer Kunstwelt bezeichnet zu werden.

Abgeschminkte Wahrheit

Eine Filmkritik von Anna Wagnleitner

Zum elften Mal fanden in Wien die Vienna Independent Shorts statt, aber zum ersten Mal mit mir.  Zuvor hatte ich schon mal davon gehört und der Name der Veranstaltung, die in Kooperation mit den Wiener Festwochen stattfand, weckte in mir große Erwartungen.

Es war ein Sonntagabend, und vor dem Stadtkino versammelten sich schon die ersten Leute und rauchten noch friedlich, bevor wir alle den Saal betraten. Mit der VIS-Broschüre in der Hand setzte ich mich gespannt auf meinen Platz und erwartete die im Heft als „Enfant terrible“ beschriebene Filmemacherin Mariola Brillowska. Nach einer kurzen Vorstellung ihrerseits ging der Vorhang auf - und bei mir kam Nervosität auf. Der Filmtitel Grabowski, Haus des Lebens (DE 1990) flimmerte in kleingeschriebenen Lettern, wie man es schon zu Bauhaus-Zeiten kannte, über die Leinwand. Mein erster Gedanke widmete sich der abstrakten Zeichentechnik, die durch die ständige Bewegung mir das Gefühl vermittelte, nie mehr zur Ruhe kommen zu können. Die Kamera führt den Zuschauer zu einer trauernden Menschenmasse über einen Friedhof. Eine schwarzgekleidete Frau kommt zu einem weißgekleideten Mann, der zuvor noch ein Grab verschloss, um ein Begräbnis zu organisieren. In einer Hütte angekommen, beginnt mit dem Öffnen der Hose des Mannes eine nicht diegetische Musik, welche die bisherige Stille ersetzte. Irritiert durch die sexuelle Handlung und das Gespräch, welches für mich keine Relation zum gezeigten Bild darstellte (bis auf den Fakt, dass die Stimmen der Charaktere stöhnten), runzelte ich die Stirn und blickte zu meinen zwei Kolleginnen, die mich aus der Dunkelheit mit demselben verstörten Blick ansahen.

Der nächste Morgen wird von einem Wecker eingeläutet und mit dem Griff des Mannes nach einer polnischen Zigarette. Die Gestalt eines Kardinals erscheint über seiner Schulter, tadelt ihn, dass er doch lokale beziehungsweise westliche Zigaretten rauchen solle. „Ein Emigrant bleibt für immer ein Emigrant“ sind die Worte der geistlichen Gestalt. Der Film wurde kurz nach dem Fall der Berliner Mauer veröffentlicht. Bleibt ein Emigrant tatsächlich immer ein „Emigrant“ - und wenn ja, was wäre daran so bedrohlich? Lebte mit der Öffnung des Eisernen Vorhangsund der neuerlichen Konfrontation mit dem „Anderssein“ ein Hass gegen jene „anderen“ auf? Konnte man diesen Hass auch bei den aktuellen EU-Wahl-Ergebnissen erkennen? Um ehrlich zu sein, dachte ich an diese Fragen nicht, während ich im Kino saß und noch immer schockiert war von  den vielen obszönen und auch frauenfeindlichen Geschehnissen, die sich auch in anderen Kurzfilmen, welche an diesem Abend präsentiert wurden, wiederholten. Nach dem fünften Film verlor ich langsam meine Konzentration und spätestens beim Kurzfilm „Ruski Make up“ (DE 2008) auch meinen Verstand. Dieser Kurzfilm gleicht mehr einem Musikvideo, da nur das Lied im Zentrum steht und dessen Sängerin als Erzählerstimme fungiert.

Nach der ersten Szene des Werks, in der sich der Kopf eines Clowns dreht und die Stimme von Mariola Brillowska ertönt, betritt ein Mann mit rotem „Hoodie“, bei welchem ich mir die Frage stellte, ob er womöglich den russischen Kommunismus darstellen solle, ein Wohnhaus. Von dem, was Brillowska singt, verstand ich: „Du brauchst eine Wohnung, hier ist Lenins Rat. Besuche deine Nachbarn [...] mach sie kalt.“ Auch hier kommt es wieder zur Gewalt an Frauen, speziell von Männern, die mich wieder eiskalt erschaudern ließen. Mehrfach werden Frauen von männlichen Charakteren vergewaltigt oder sogar getötet. Nach dem ersten Tod einer Frau hört man Mariola Brillowskas Stimme sagen: „Schminke den Nachbarn, schminke die Wahrheit“. Schminke die Wahrheit ist meiner Meinung nach eine sehr interessante Äußerung. Doch in diesem Moment konnte ich an nichts anderes mehr denken, als daran, ob wohl alle, die diesen Film, ohne dem Wahnsinn zu verfallen, verfolgten, vor Beginn des Films doch etwas anderes als nur eine gewöhnliche Zigarette geraucht haben.

Um wirklich ganz ehrlich zu sein, wusste ich nicht, wie mir geschah. Zwischen einem „beinahe epileptischen Anfall“ und der Frage, ob ich denn als angehende Filmwissenschaftlerin nicht doch lieber mal einen Blick auf das schwarze Brett der Österreichischen Hochschülerschaft blicken sollte, schnappte ich nach meinen Sachen und ergriff die Flucht. Draußen angekommen, nach einer Zigarette bettelnd und mit den Kollegen empört diskutierend, wirkte das Gesehene noch immer stark auf mich. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass es sich hier um  Kunst handelte, die nur aufregen soll, doch in den folgenden Tagen wurde ich eines Besseren belehrt und setzte mich tatsächlich an meinen Laptop, um die Filmwerke noch einmal anzusehen. Die Frage nach der geschminkten Wahrheit beschäftigte mich. Ist denn eine geschminkte Wahrheit noch als Wahrheit erkennbar? Brillowska kritisiert hier politische Missstände in Osteuropa, aber ist das Schminken der Wahrheit etwas, das wir auch von unseren – vor allem privaten – Medien kennen? Hätte der Medientheoretiker Marshall McLuhan das Make Up als „Message“ empfunden?

Mariola Brillowskas Werke ließen mich nicht mehr los - und die Fragen nach dem Nachbarn, welcher möglicherweise als Nachbarland gesehen werden kann, der geschminkten Wahrheit und dem ewigen Emigranten genauso wenig. Bis heute nicht.