Im Fluss der Zeit

Eine Filmkritik von Sophia Thomasberger

Der französische Künstler Thomas Sauvin hat sich in den letzten vier Jahren zur Aufgabe gemacht alte Fotografien der Bewohner Pekings zu sammeln und zu archivieren. Durch diese inzwischen beeindruckend große Sammlung entstand ein Abriss der chinesischen Zeitgeschichte der letzten dreißig Jahre – so kamen in den späten 1980ern Bilder mit dem eigenen Kühlschrank in Mode, später Fotografien mit dem Eiffelturm, dann Aufzeichnungen des Versuches, den Mond mit einer Hand einzufangen und so fort.

Der Kurzfilmregisseur Lei Lei hat nun aus den gesammelten Arbeiten Thomas Sauvins einen Kurzfilm geschnitten, der dem Zuschauer einen Einblick in die chinesische Gesellschaft gewährt, der Bilder – obwohl von der Zeit versehrt – hintereinander aufblitzen lässt und dem Betrachter das Gefühl gibt, er schwimme durch ein Fotoalbum ein und derselben Familie, gleichen sich die Hintergründe und Posen der versucht einzigartigen Bilder doch so sehr, ganz egal ob hunderte verschiedene Menschen abgelichtet wurden.

Um eine möglichst akkurate Nachbildung zu vermitteln, versuchte man während der Produktion des Filmes bewusst Originalaufnahmen zu verwenden, nicht aber Nachbearbeitungen oder Kolorierung der Fotografien vorzunehmen. Die Bildebene wurde von der futuristischen Musik des Künstlers Zafka Zhang unterstützt, Klänge die man beinahe mit Postapokalyptischem verbinden könnte. Aufgrund der teilweise zerstörten und versehrten Fotografien und der Verbindung mit ebendiesen Klängen, bekommt der Film eine unheimliche Stimmung.

Lobend zu erwähnen ist die unkonventionelle Weise, mit der Lei Lei den Geist der Zeit greifbar macht und den Bildern ihren eigenen Fluss gibt. Die 5 min 32 sec erweisen sich als sehr kurzweilig, eines begleitenden Textes bedürfen die Bilder nicht, sie stehen für sich.

Müll?

Eine Filmkritik von Natascha Tonar

VIS2014. Ein dunkler Saal, ein Rascheln, Anfang der Projektion, es startet der Film Recycled von Lei Lei. Auf der Leinwand läuft, begleitet von Geräuschen des alltäglichen Lebens einer Großstadt, ein Filmstreifen vorbei. Zoom auf die einzelnen Bilder des Filmstreifens. Auf diesen sind verschiedene unbekannte Menschen, meist aus gestellten Alltagssituationen wie bei dem Besuch der verbotenen Stadt, zu sehen. Die Qualität der Bilder wechselt immer wieder, scheinbar ohne Konzept, von minder bis sehr gut. Wie immer entsteht im Kopf des Zuschauers die Frage nach der Narration, welche sich im Verlauf des Filmes nicht klärt. Gut so: denn es geht hier nicht um eine klassische Geschichte, die erzählt und verbreitet werden will.

Im Gegenteil: mit der Collage diverser recycelter Bilder lässt Lei Lei ein filmisches Portrait der Stadt Peking entstehen. Er präsentiert uns einen Querschnitt jener Fotonegative, die von ihren Besitzern achtlos entsorgt und von ihm wiederentdeckt wurden. Es handelt sich um eine Auswahl von Negativen, welche es aus dem Müll in die Sammlung Lei Leis geschafft haben. Dies erklärt auch den vermeintlich konzeptlosen Wechsel der Qualität, denn die Bilder wurden so originalgetreu wie möglich belassen. Der Film zeigt uns ein Zeitbild der letzten 30 Jahre über die Gesellschaft, Rituale und Lebensweise der Bevölkerung in Peking.

Zur Verstärkung dieser Eindrücke wird die Bildebene während des kompletten Films von der Großstadt-Geräuschkulisse begleitet. Sechs Minuten lang konfrontiert die Animation den Zuschauer mit verschiedensten Aufnahmen, doch Langeweile und Eintönigkeit entsteht nicht. Im Gegenteil die Bilder regen zur Reflektion der eigenen Lebenswelt an. Diese kunstvoll und arbeitsintensiv zusammengestellte Collage zeigt, dass man mit Animation weit mehr erschaffen kann als Zeichentrickfilme für Kinder. Sie führt uns in ein Peking, dass so noch nicht gezeigt wurde, während sie durch die verwendeten Materialien gleichzeitig auf das Umweltproblem dieser Stadt anspielt.