Auch Einhörner haben es nicht leicht

Filmkritik von Marie-Sophie Kero

Einhörner sind etwas ganz Besonderes, doch selbst diese haben mit alltäglichen Problemen zu kämpfen. Eines davon  – Diskriminierung.

Daniel van Westen erzählt dies in einer kurzen prägnanten Story, in Form von zwei schwarzen Pferden in einem Wald, deren Ruhe unterbrochen wird durch das Auftauchen eines weißen Einhorns. Nach der Ankunft des Neuankömmlings herrscht zunächst Stille. Darauf folgt schallendes Gelächter der zwei schwarzen Pferde über das Horn des weißen Pferdes. Frustriert über die Ablehnung will das Einhorn den Rückzug antreten, entscheidet sich in letzter Sekunde jedoch anders. Zufall und ein bisschen Glück helfen am Ende dem kleinen Protagonisten, den intoleranten Waldbewohnern eine gehörige Lektion zu erteilen und, um noch eins drauf zu setzen, rettet ihm sein Horn sogar das Leben.

Recently in the Woods bedient sich einfacher, klassisch in schwarz-weiß gehaltener 2D Animation. Farbe kommt zwar vor, jedoch nur spärlich und dient lediglich zur Akzentsetzung. Der Fokus der Geschichte liegt klar auf dem Opfer, dem Einhorn, verdeutlicht wird dies dadurch, dass die einzigen zwei Kamerafahrten im Film für ihn reserviert sind. Wesentlich interessanter als die visuelle Ebene ist jedoch die auditive. Das Rauschen des Windes im Hintergrund fixiert den Wald als Handlungsort und der Verzicht auf jegliche andere Hintergrundgeräusche oder gar Musik lenkt unsere Aufmerksamkeit einzig und allein auf die witzigen Soundeffekte des Films. Das Gelächter der Pferde, das frustrierte Brummen des Einhorns, all das ist mittels der menschlichen Stimme erzeugt worden, gibt dem Film eine sehr persönliche Note und passt zu den teils surrealen Strukturen des Films.

Der gerade einmal knapp über eine Minuten lange Film Recently in the Woods, greift das im 21. Jahrhundert noch immer äußerst relevante Thema von Akzeptanz und Toleranz auf. Er tut dies auf eine kurze Art und Weise, die den Zuschauer nicht noch stundenlang nach dem Sehen des Films darüber rätseln lässt, was genau denn jetzt eigentlich die Aussage des Films sein sollte. Recently in the Woods lässt somit sein Publikum aufatmen und bringt dieses nebenbei auch noch zum Lachen.

Wer zuletzt lacht…

Eine Filmkritik von Svenja Schlossarek

Wir leben in einer Welt, in der Anderssein nicht immer als positiv angesehen wird. Andere Traditionen, einen anderen Hintergrund zu haben oder einfach nur anders auszusehen – viele dieser Dinge, die jemanden einzigartig machen, können heutzutage der Auslöser dafür sein ausgelacht oder sogar ausgeschlossen zu werden.

Anderssein – genau dieses Thema greift die 2013 entstandene Kurzanimation Recently in the Woods von Daniel van Westen auf. Es geht um ein Einhorn, das aufgrund seiner Einzigartigkeit von zwei normalen Pferden ausgelacht wird. Zunächst scheint es nicht so, als ob sich die Geschichte für das Einhorn zum Guten wendet, doch wie heißt es so schön: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

Die Animation an sich ist relativ einfach gehalten, was ihr eine gewisse Niedlichkeit verleiht, die nicht zuletzt auch auf die Wahl eines kleinen Einhorns als Protagonisten zurückzuführen ist. Auch beim Bildhintergrund werden unnötige Kleinigkeiten weggelassen, was der Geschichte aber keineswegs schadet.

Der Gebrauch von Farbe ist ebenfalls sehr sparsam. Nur das Horn des Einhorns ist bunt, wodurch dessen Einmaligkeit noch einmal betont wird. Außerdem wird Farbe bei einigen aufpoppende Animationen und ein paar Früchten, die am Ende des Films eine Rolle spielen, verwendet, während der Rest der Bilder in schwarz-weiß gehalten ist.

Auf Musik wird in diesem Kurzfilm komplett verzichtet. Es kommen nur einige Hintergrundgeräusche zum Einsatz, die das Geschehen akustisch untermauern. Diese Ruhe lässt sich bereits aus dem Titel des Films erahnen: Recently in the Woods – wenn man an Wald denkt, stellt man sich eine ruhige Atmosphäre ohne störende laute Geräusche oder Musik vor, eben genauso wie sie in dieser Animation dargestellt wird.

Der Film hat, alles in allem gesehen, einen „Niedlichkeitsfaktor“ und es macht Freude ihn anzusehen. Zusammenfassend lässt sich noch einmal betonen, dass es sich um einen technisch verhältnismäßig einfach hergestellten Animationsfilm handelt, dessen Moral aber dafür umso tiefer greift.

Anderssein und Mobbing sind zwei zentralen Themen die dieser Film aufgreift. Wir fühlen beim Zuschauen mit dem kleinen verlachten Einhorn mit, sind mehr oder weniger automatisch auf dessen Seite und hoffen, dass den Pferden für ihr böses Verhalten eine Lektion erteilt wird. Denn wer zuletzt lacht, lacht ja bekanntlich doch am besten.

Recently in the Cinema: Recently in the Woods

Eine Filmkritik von Michael Gernot Sumper

Was macht ein kleines, süßes Einhorn im Wald? Ausgelacht werden. So zeigte es ein neuer Kurzfilm, der am 24. Mai 2014 seine österreichische Premiere im Stadtkino Künstlerhaus im Rahmen des internationalen Festivals VIS – Vienna Independent Shorts genoss: Recently in the Woods, ein einminütiges Mini-Abenteuer, das der 1987 geborene Regisseur, Animateur und Filmemacher Daniel van Westen 2013 in Deutschland kreierte. Geschickt inmitten von längeren Kurzfilmen platziert, wirkte es wie ein kleines, auflockerndes Zwischenspiel innerhalb des Programms Animation Avantgarde 1, das unkonventionelle Animationen aus mehreren Ländern vereinte.

Recently in the Woods verleiht dem Genre der Fabel ein neues Gewand, indem sie in das Medium des (Kurz-)Films überführt wird: In einem Wald haben zwei gelangweilte schwarze Pferde ihr Revier eingenommen. Nichts passiert. Dem eintrudelnden quietschvergnügten Einhorn die Laune zu stehlen, kommt ihnen daher gerade recht. Doch das Einhorn lässt sich nicht lange auslachen: Sein trauriges Jammern schlägt um in Aggression. Sein Versuch, das Pferd zu rammen, scheitert jedoch und das Einhorn bleibt mit dem Horn im Baum stecken. Das Horn, also das Anders-Sein, das Besondere des Einhorns, wandelt sich an diesem Punkt von einer vermeintlichen Peinlichkeit zum Siegeswerkzeug: Denn durch den Stoß fallen überraschend Riesen-Erdbeeren vom Baum, die den Pferden das übrige tun. Und das Einhorn geht fröhlich mit einer aufgegabelten Erdbeere seines Weges.

Die Siegesgeschichte eines Außenseiters entfaltet sich in einer schlichten, auf das Wesentliche konzentrierten schwarz-weiß-Ästhetik: mit schwarzen Bäumen und weißem Boden, mit weißem Einhorn und schwarzen Pferden, mit schwarzem Humor und dunklem Spaß auf hellem Bildhintergrund. Nur das unschuldige Türkis des alles entscheidenden Horns sticht als Farbe heraus. Die klare Opposition von Schwarz und Weiß bestimmt die Optik des Filmes und begründet auch die Feindschaft der Tiere mit. Die Pferde haben weiß gezeichnete Augen, als würden sie das weiße Einhorn kommen sehen, und das Einhorn hat schwarze Augen, als würden sich die Pferde darin spiegeln und als würde sich das Dunkle bereits vor den Augen abzeichnen. Als das Einhorn seinen strahlenden Sieg im dunklen Konflikt des hellen Waldes davonträgt, entpuppt sich doch noch das Helle im Dunkeln im Hellen.

Weitere Details fallen auf: Pilze, ein kleiner Zaun und ein lieblich anmutendes Vogelhäuschen, ironischerweise ausgerechnet auf dem Baum, von dem der Tod ausgeht, wenn die Erdbeeren herabfallen. Phantastische Elemente im Film vermitteln hier einen besonderen Reiz: das Einhorn, das hämische Lachen der Pferde und – besonders kreativ – die Riesen-Erdbeeren am Baum.

Im Wesentlichen führt der Film an einem einfachen, kurzen Beispiel die Prinzipien von Mobbing und Ausgrenzung aufgrund von Äußerlichkeiten und die folgende Aggression vor, aber auch, wie sich das Blatt wenden kann. Der Mini-Film ist mit circa einer Minute Länge nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig und zeigt etwas Kürzliches: Denn wie gegenwärtig und aktuell Diskriminierung ist, steckt im Titel: Recently – und auch, wie verborgen sie oft geschieht: in the Woods. Der Film beweist außerdem, wie wunderbar man Handlung, ästhetischen Stil und Message in nur einer Minute unterbringen kann. Und es gelingt ihm, dass wir mit dem Ausgelachten mitfühlen, aber bald schon „zuletzt lachen“ und damit „am besten lachen“ und über die realen Verhältnisse von Sein und Anders-Sein, über Ausgrenzung oder Toleranz erneut nachdenken.