Eine unrealistische Realität

Eine Filmkritik von Allesch Birgit

Mariola Brillowskas Arbeiten wurden seit jeher von Kontroversen begleitet. Gleichzeitig war man sich aber über eines einig: Entweder man lobt oder man straft ihre Werke. Einen Standpunkt dazwischen gibt es nicht. Man muss aber zugeben, dass es schwer ist einen Mittelweg zu finden, stürzt sich die Künstlerin doch selbst von einem Extrem ins andere, was nicht zuletzt Allergy Test und Porno Karaoke International - zweiFilme, die zumindest auf inhaltlicher Ebene nicht konträrer sein könnten - bestätigen. Während Allergy Test einen in die Zeit des kindlichen Rollenspiels zurückversetzt, erinnert Porno Karaoke International, wie auch der Name schon verrät, an die schlüpfrigen, ursprünglich aus Japan kommenden Hentai-Filmchen.

Die in Porno Karaoke International von Jan Bauer gezeichneten und von Brillowska animierten Figuren werfen die Frage auf, ob sie überhaupt irdische Wesen darstellen. Ihre ostentativ gezeigten Geschlechtsorgane lassen einen allerdings jegliche Zweifel sofort wieder verwerfen. In fünf Szenen werden fünf Ereignisse gezeigt, die grundsätzlich voneinander unabhängig sind. In Moskau lassen sich winzige Männchen, die mit Präservativ-Fallschirmen von der Decke herabgleiten, auf Frauen nieder. In Bagdad nähern sich US-amerikanische Truppen mit penisförmigen Panzerrohren weiblichen siamesischen Zwillingen, die doppelte Freude versprechen. In Budapest gibt es einen mit zwei Penissen gesegneten Spinnenmann. Und während in Reykjavik eine Patientin mit Katzenohren von nackten Ärzten behandelt wird, ersteht im Vatikan der Papst wieder auf, um seine mit Sonnenbrillen gestylten Engelchen mit seinem heiligen Penis zu verwöhnen. So einzigartig die fünf Schauplätze auch sind, so haben sie dennoch eines gemeinsam: lasziven Sex.

Mit Allergy Test hat dieser Film nur wenig gemein, höchstens, dass den gezeigten Dingen auf unorthodoxe Weise Farben zugewiesen wurden, die noch dazu dem Schrillen und Grellen verfallen sind, sowie die zweidimensionale analog-digitale Animationstechnik. Beide Filme fallen in die Kategorie des Zeichentrickfilms. Dabei erzeugen handgemalte Einzelbilder, die vom einen zum nächsten Bild zwar neu gezeichnet, aber auch ein wenig verändert und eingescannt oder abfotografiert werden, bei schneller Projektionsabfolge eine Bewegungsillusion. Die Kolorierung erfolgte bei diesen beiden Filmen nachträglich am Computer.

Allergy Test basiert auf einer Improvisation von Mariola Brillowskas Tochter Bela und Felix Kubin zum Thema Arztbesuch. Während in Porno Karaoke International die Bilder im Vordergrund stehen beziehungsweise Sprache überhaupt fehlt, werden in Allergy Test Bilder hauptsächlich zur Unterstützung des Dialoges verwendet, der das Herzstück bildet. Ein Patient, dargestellt mit teuflischer Grimasse und Hörnern, sucht Rat bei Frau Doktor Brillowska, die eigentlich Tierärztin ist und mit ihren Flügeln und ganz in Weiß gekleidet wie ein Engel erscheint - sein bisher unbehandeltes wackliges Knie hat mittlerweile offenbar schon Auswirkungen auf die Gesundheit seiner Augen. Zur Behandlung muss er aber einfach nur Zuckerwatte essen, denn „dann werden die Zähne ja schlecht und das ist gut, weil dann wird das mit dem Schlechten weggeranzt“. Da sich der Patient - man möchte fast meinen, dieser kennt sich selbst besser aus - aber nicht einfach auf so „ungewöhnliche Methoden“, von denen der Film übrigens noch viele weitere anbietet, verlassen will, wird schlussendlich doch noch ein Termin für einen Allergietest vereinbart. Was Allergy Test so sympathisch macht, ist das Phänomen, dass etwas nach außen hin Unverständliches plötzlich Sinn macht. Während die Ratio im Gesagten nichts als Unsinn erkennen kann, stimmt das Unterbewusstsein den Schlussfolgerungen zu, und das alles nur, weil man selbst einmal dort war, in der Kindheit. In einem in sich kohärenten System, wo alles logisch scheint, solange man nur argumentiert und begründet.

Was man im Endergebnis sieht, ist für Brillowska nichts anderes als die „Realität, das, was man erlebt und wie man lebt, durch die Nudelpresse gezogen“. Behält man sich dies bei der Rezeption von Porno Karaoke International im Hinterkopf, bekommt das erst voluptuös Erscheinende eine negative Konnotation. Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung, Themen, die Brillowska in den meisten ihrer Arbeiten behandelt, werden angesprochen. In vier Minuten beleuchtet sie Dinge, die im Regelfall in der Dunkelheit bleiben, und erinnert somit unter anderem daran, dass nicht vergessen werden darf, dass Krieg nicht nur unzählige Menschenleben kostet, sondern, dass er mit seinen Soldaten die Integrität vieler Frauen verletzt, oder dass die Kirche mit zahlreichen Missbrauchsfällen gegen die eigens aufgestellten moralischen Normen verstößt.

Bei Brillowska darf nichts gerade sein, „sonst wird es unkreativ“. Mit Allergy Test und Porno Karaoke International folgt sie, wenn auch auf zwei verschiedenen Wegen, ihrer eigenen Devise: „Haarscharf daneben“. Die beiden Animationskurzfilme mit ihren auf den ersten Blick nicht gerade ästhetischen neonfarbigen Figuren und provokanten Inhalten sind einzelne Mosaiksteine, die mit anderen Filmen, Gemälden, Texten und Performances die Welt Brillowskas bilden. Dort scheint nichts normal zu sein oder, und so würde sie selbst es vielleicht sagen, das Abnormale ist normal. Wenn man den Corpus Operis Brillowskas und stellvertretend dafür Porno Karaoke International und Allergy Test betrachtet, die im ersten Moment grob und unverständlich erscheinen, dann kann man verstehen, warum man von einem „Universum Brillowska“, einer Welt außerhalb der unseren spricht. Aber wenn man die Ausführungen der Künstlerin über ihren Arbeitsprozess nicht ganz außer Acht lässt, nämlich, dass sie beim Erschaffen eines neuen Kunstwerks innerlich aufräumt und Eindrücke verarbeitet, und wenn man einmal nicht auf die Vernunft, sondern auf die leise Stimme in sich hört, die man mit zunehmendem Alter immer stärker versucht zu unterdrücken, dann beginnt man sich die Frage zu stellen, welches der beiden „parallelen Universen“ einem wirklich fremd ist: Brillowskas oder jenes, das das Fundament ihres Universums ist, das unsere?

Der Titel ist Programm

Eine Filmkritik von Franziska Gschwendtner

Porno Karaoke International ist ein animierter Kurzfilm der Regisseurin Mariola Brillowska aus dem Jahre 2005. Die Animation folgt klar dem Stil, den Brillowska seit Jahren verwendet und auszeichnet: Es handelt sich um Trickfilm in seiner einfachsten Form, schwarze Linien geben die Form vor und werden mit knalligen Farben gefüllt; Schattierungen und ähnliches bleiben aus. Die Machart des Filmes stimmt mit der Rohheit des Dargestellten überein; liebevolle, „schöne“ Zeichnungen wären hier absolut fehl am Platz. Man stelle sich eine überdimensionale, einäugige Frau mit multiplen Geschlechtsorganen vor, die von einem Panzer penetriert wird: Feine Federzeichnungen und Aquarellfarben wären hier nicht das Mittel zum Zweck, schon gar nicht bei Brillowska. Ihre Botschaft lässt sich eben nicht in Schönschrift auf Pergament verfassen, sondern nur als Graffiti an Wände sprühen.

Um zurück zum Film zu kommen: Hier ist der Titel Programm. Zu sagen, dass Sex das Thema ist, wäre falsch. Das Dargestellte hat mit Sex nicht mehr viel gemein, es handelt sich vielmehr um eine übersteigerte Form sämtlicher Hardcore-Darstellungen sexueller Handlungen, die sich in den Sphären des Internets finden lassen. Soviel zur Porno-Komponente des Titels. Um die Karaoke-Referenz zu klären, muss hier der Aufbau des Filmes vorweggenommen werden: Bei Porno Karaoke International handelt sich um eine Art Episodenfilm, in dem ein sexueller Akt dem nächsten folgt. In Zwischenschnitten wird die Stadt betitelt, in der er stattfindet, es folgen fünf kurze Szene von weniger als einer Minute Länge. Jede Szene kann als selbstständige Interpretation desselben Themas verstanden werden, vergleichbar mit verschiedenen Interpretationen desselben Liedes beim Karaokesingen. Musik sucht man übrigens fast vergeblich, sie setzt erst kurz vorm Abspann ein, die Tonspur beschränkt sich in weiten Strecken auf (menschliche) Geräusche, die ebenso roh und laut sind wie das Bild an sich. Aus dem Aufbau ergibt sich auch der dritte Teil des Titels, International.

Die 3:50 Minuten, die der Film dauert, sind eindeutig zu kurz, um sich auf den Wahnsinn einlassen zu können, der sich hier vor den Augen des Zuschauers abspielt, vor allem, wenn man zum ersten Mal in Berührung mit dem Phänomen Brillowska kommt. Die kleinen Männchen, die in der ersten Szene mit Kondom-Fallschirmen abspringen und anschließend eine einäugige Frau mit ihren Armen penetrieren, würden fürs erste schon reichen, dass sich der nichtsahnende Zuschauer an den Kopf greift und sich fragt, was zur Hölle er da eben gesehen haben mag. Der Witz, der hinter dem Ganzen liegt, lässt sich erst im Fortlauf des Filmes fassen, wenn sich Skurrilität und herrliche politische Inkorrektheit gegenseitig ins nie Dagewesene treiben. Am Schluss werden religiöse Symbole zur E-Gitarre und eine Variation des männlichen Geschlechts zum Kreuz, während der Papst in den Himmel aufsteigt und eine Handvoll Engelchen im Akt dargestellt wird. Diese Szene ist zu gut, um wahr zu sein und wirkt wie eine Befreiung nach Minuten des Zweifelns, ob dies denn alles ernst gemeint sein könnte: Nein, ist es nicht.