Eine Schnipsel-Ballade

Eine Filmkritik von Lilith Bolle

Picture Particles ist ein Film der rauscht und berauscht. Er zeigt einzelne Schnipsel von Filmmaterial, Bildern und vielleicht auch von Dias. Aber nie so lange und nie so deutlich, dass man erkennen kann was darauf abgebildet ist. Ab und zu bemerkt man am linken Rand die Löcher eines Filmstreifens. Sind es Erinnerungen? Gedankenfetzen? Ein Film, der sich vor dem inneren Auge abspielt, wenn man in die Sonne schaut? Die Störgeräusche im Hintergrund werden immer lauter und immer schneller. Die teilweise transparenten, überblendeten Bildschnipsel und der Ton verweben sich zu einem fast bedrohlichen Rauschen. Abwechselnd werden sehr helle und dunkle Bilder gezeigt, so dass es scheint, als blitze es.
 
Es ist beeindruckend, dass ein Film, der völlig ohne erkennbare Handlungsdramaturgie auskommt, eine solche Spannung erzeugt, die einen immer fester in den Kinosessel drückt und einen beinahe zu hypnotisieren scheint. Das Rauschen nimmt eine höhere Frequenz an, klingt immer mehr wie der Ton eines Instrumentes und nicht mehr wie das bloße mechanische Rauschen von Filmrollen oder Stadtgetöse. Der Schnitt wird immer sichtbarer. Die Filmschnipsel sind nicht mehr über- sondern nebeneinander geschnitten. Wie in einem Kaleidoskop hängen die einzelnen Teile aneinander, bewegen sich, ergeben neue geometrische Formen und Farben, während sich die Hintergrundgeräusche beinahe in eine Art Choral verwandeln. Die Assoziation eines Kirchenfensters kommt auf. Das Pulsieren weicht harmonischen Schwingungen.

Sicherlich ist Thorsten Fleisch nicht der erste, der durch Zusammensetzen von Schnipseln, die aus ihrem eigentlichen Zusammenhang genommen werden, eine neue Poesie erschafft. Man hat das Gefühl, dass die Bilder nicht durch das auf ihnen Dargestellte aufeinander reagieren und spannende Kontraste bilden, sondern in der Art und Weise, wie sie sich überschneiden und überblenden. Welche Farben neben welchen stehen, wie schnell ein Schnipsel einen anderen wegschnipst, der sich dann für eine Sekunde wieder einzuschleichen scheint.

Die Ästhetik steht bei Picture Particles sicherlich im Vordergrund. Dieser Film überzeugt also nicht durch lustige oder blutrünstige Geschichten wie einige andere Animationsfilme während des Vienna Independent Shorts-Festivals, sondern alleine durch seinen Rhythmus, seine Farben und seine Formen, welche die Wirkung eines starken Soges erzeugen.