Fast Stillleben aber Slow

Eine Filmkritik von Albert Car

Ohne der im Programmheft von VIS-Vienna Independent Shorts gedruckten Übersetzung, wäre der knapp und anonym gehaltene Titel eindeutig zweideutig interpretierbar. O.T. ist im Filmjargon zumindest als Abkürzung für „Original Ton“ bekannt. Doch der internationale Untertitel lautet Without Title, wodurch diese fantastische Polysemie für den informierten Betrachter a priori ausgeschlossen wird.

Gezeigt wird ein prachtvoller schneeweiß-bedeckter Berggipfel. Die Sonne scheint, zumindest schneit es nicht. Aber das Bild ist schön kadriert und dabei bleibt es auch für eine Weile. Neben den Schneemengen, auf die man in Ruhe blickt, bleibt noch Platz für einen einfarbigen dunkelblauen Himmel und die Konturen, die er im Kontrast zum Weiß eingeht. Nach einigen Atemzügen, die bewusst durchgeführt werden, stellt sich die Frage, wie hoch diese schneebedeckte Wand nun tatsächlich sein könnte. Ohne jeglichen Anhaltspunkten, bleiben einem die Größendimensionen völlig unbegreiflich.

In den folgenden Minuten muss der Rezipient sich nun sehr intensiv mit dem Abgebildeten beschäftigen. Müsste ich als Österreicher dieses Fragment eines Berges kennen? Schließlich handelt es sich bei O.T. um einen der wenigen inländischen Beiträge des Animation Avantgarde- Programms. Andersdenkende würden womöglich schon mit ihrer Hand das unangebrachte Gähnen kaschieren wollen. Es bleibt spannend oder eben fad. Langsam müsste sich ja die Animation zur Schau stellen und Bewegung auf die Leinwand kommen, die das Bild des Kinos jenes der Fotografie unterscheiden könnte. Doch der Filmemacher lässt sich Zeit und gibt ebensolche dem Zuseher. Ein vom gewöhnlichen Kinobesuch gedrillter Trieb kommt ebenfalls gemütlich auf und ständig kitzelt diese Erwartung, das etwas kommt. Besonders, da das äußerst umfangreiche informative Programmheft exakt diese Änderung im Geschehen anhand des zugewiesenen Stills vorwegnimmt. Durch diese Vorahnung wird beinahe schon eine Nervosität erzeugt. Ständig erscheint das Gefühl, nun muss es doch geschehen.

Dann erlaubt sich die Darstellung doch noch eine neue Gestalt mit einzubinden. Einige Sekunden darauf wird die Bildfläche schwarz, ohne dass der Betrachter klüger als vorhin zu sein scheint. Der Film von Markus Scherer macht nicht dumm, nein nein! Er ist nur so gefinkelt gestrickt, dass es fürs bloße Auge unmöglich zu definieren ist, wie dieses Finale nun technisch entstanden ist. Handelt es sich um eine CGI-Animation, einen banalen Kameratrick oder doch um eine realfilmische Umsetzung? Eine Aufklärung ist uns der Macher gewiss nicht schuldig, denn er muss sich keineswegs für sein Werk rechtfertigen, auch nicht die Magie dahinter lüften.

Selbst wenn die anfängliche Ruhe, die sich über den Großteil des Filmes erstreckt, bei manchen eine Frage nach der anderen aufbwirft und bei unruhigerem Publikum zu Langweile führen kann, sind beide Gruppen am Ende verblüfft über das projizierte Ereignis, welches dem Film einen krönenden Abschluss und Höhepunkt verleiht.

Was lange währt, wird endlich gut

Eine Filmkritik von Désirée Gölz

Im Rahmen des 11. Internationalen Festivals für Kurzfilm, Animation und Musikvideo, nahm das Publikum am 28.Mai 2014 auf den Polstersesseln im Künstlerhauskino erwartungsvoll Platz. Der erste Kurzfilm O.T., also der erste Eindruck eines vielversprechenden Programms, sollte gleich einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Der Film beginnt mit einer majestätischen Bergspitze, die von frischem Schnee bedeckt ist und eine ungeheure Ruhe ausstrahlt. Soweit so gut. Die ersten Sekunden vergehen, die Zuschauer versuchen schnell, die friedliche Umgebung vollständig in sich aufzunehmen. Nach weiteren Sekunden dieser faszinierenden Landschaft, kann man förmlich spüren, wie die Spannung nach einer Veränderung des Bildes steigt. Allerdings lässt Markus Scherer, der Regisseur des Films, das Publikum noch ein wenig zappeln. Nach etwa zwei Minuten, in denen es keinerlei Bewegung gab, spürt man langsam eine Unruhe im Publikum. Der verwöhnte Zuschauer will nun, dass es endlich weitergeht, dass endlich etwas passiert. Fragende Blicke wandern durch die Reihen. Handelt es sich doch etwa um einen technischen Fehler, dass der Film nicht weiterläuft? Nach drei Minuten ist die Spannung mittlerweile fast unerträglich, die Frage, ob noch etwas passiert, bzw. wie der Film endet, steht wie ein Elefant im Raum.

Plötzlich erblicke ich hoch auf dem Berg eine Gestalt. Ist das ein Mensch? War der schon die ganze Zeit da und ich habe ihn nur nicht gesehen? Ich blicke meine Nachbarn an, die nicht minder erstaunt scheinen. Ist das aufregend! Und es wird noch besser, es kommt tatsächlich Bewegung ins Spiel. Die Gestalt sinkt plötzlich äußerst grazil auf einem Snowboard den Berg hinunter und hinterlässt eine kerzengerade Linie im Schnee. Noch nie war eine Schneespur so schön. Sowohl die Erleichterung, als auch die Befriedigung des Publikums ist überwältigend. Endlich ist etwas geschehen, wenn auch nur etwa 15 Sekunden lang. Aber diese Sekunden haben die Zuschauer voller Euphorie in sich aufgesogen.

Mit seinem Kurzfilm gelingt Markus Scherer ein Nullpunkt des Dramatischen, auf den er die Narration des Films bewusst reduziert und dem Zuschauer Raum gibt, um über das Gesehene nachzudenken. Da das Publikum aber gewohnt ist, mit vielen unterschiedlichen Eindrücken berieselt zu werden, löst gerade diese vollständige Entdramatisierung, in der keine konventionellen Erzähltechniken verwendet werden, eine Art stille, aber dennoch aufregende Faszination aus.

Into the Blue

Eine Filmkritik von Isabella Kristina Miglinci

Österreich ist bekannt für seine Berge, das sagt schon unsere Nationalhymne. O.T. ist ein Film aus einer totalen Einstellung. Diese zeigt einen Berg, der Fokus ist scharf, die Farben imposant, beeindruckend. Man fühlt sich in das Bild hineingezogen. Doch dann vergeht eine Minute, und man fragt sich: was passiert? Der Saal ist mittlerweile still geworden, fragende Blicke kursieren herum. Die Einstellung wird auch nicht musikalisch oder gar audiovisuell begleitet. Man sieht den Berg – den Berg. Man merkt wie die Gedanken abschweifen, wie die Verwunderung abfällt, und der Blick sich im Bild festsetzt. Man nimmt die Silhouette stärker wahr – beobachtet das Nichts – wartet. Doch die Gendanken fließen weiter.

Wir leben in einer Welt, die Ruhe nicht zulässt, die sich ständig bewegt. Und deshalb nimmt man Stille nicht mehr richtig wahr, man wartet auf den Bruch. Denn Minimalismus ist in der neuen, schnellen Welt ein Fremdwort. Und dann, wenn man denkt man ist in diesem blauen Bild gefangen, merkt man wie sich etwas bewegt – wenn auch nur minimal. Es zeigt uns wie klein und unbedeutend wir auf dieser großen Welt sind, aber doch sichtbar und ein Teil von ihr. Man sieht diesen kleinen Punkt den Gipfel besteigen, als wäre er nur dafür geboren worden – um oben zu sein. Sein Ziel zu erreichen, auch wenn es für Außenstehende als unbedeutend und klein wahrgenommen wird. Und dann an dem Punkt, wo er es erreicht hat, und man selbst glaubt alles auf der Welt schaffen zu können, da wagt er noch einen Schritt. Einen Schritt Richtung Freiheit, denn er lässt sich fallen, tief in das weiße Nichts. Er lässt los, schaut nicht zurück.

Vielleicht war dies die Intention des Künstlers, denn er gab seinem Werk keinen Namen. Die Zuschauer werden nicht beeinflusst. Und wahrscheinlich hat jeder Einzelne deshalb diese vier Minuten stille Freiheit anders wahrgenommen. Jeder hat seine eigene kleine Freiheit geschenkt bekommen. Wann bekommt man so etwas heutzutage in der Welt der ständigen Bewegung und Veränderung? Anfänglich war ich auch skeptisch, denn in Wirklichkeit passiert nichts – vier Minuten nichts. Und das ist Kunst? Doch Kunst ist viel mehr als eine exakte Zeichnung oder die beste Melodie. Sie gibt uns Hoffnung und einen Fluchtweg. Einen Weg aus den Zwängen und Konventionen dieser Welt. Sie ist ein Teil von uns, man muss sie nur zulassen. Aber die Berge waren immer schon da, und werden immer bleiben. Sie sind der Rückzugsort, deine eigene persönliche Freiheit. Hast du deine schon gefunden?