Monolog mit Bohne

Eine Filmkritik von Andreas Müllauer

Das Leben des jungen Animators und Regisseurs Luiz Stockler fiel bisher bunt und vielfältig aus. Geboren in Brasilien, aufgewachsen in Wales, Abschluss am Royal College of Arts und nun ein Einwohner Londons. Deutlich weniger bunt, aber nicht minder vielfältig fällt hingegen sein zweites siebenminütiges RCA Projekt aus.

Montenegro ist ein herrlich minimalistisches Werk. Voller karger, charmanter Hintergründe, die von einem bohnenförmigen Protagonisten namens Steve durchquert werden, welcher in einem inneren Monolog seine Ängste und Neurosen mit dem Zuschauer teilt und dabei eine gehörige Portion britischen Humors beweist.

Stockler macht animationstechnisch nicht viel Wind. Wichtige Raumelemente werden mit kurzen, klaren Strichen umrissen, der Rest bleibt Nichts. Auch Steve ist simpel gehalten. Ein schlichtes rotes Strichmännchen mit ovalem Korpus, alleine im weißen Raum, alleine mit seinen Problemen. So schlicht in der Gestaltung, so sympathisch ist Steve, während er mit den wichtigen und nichtigen Dingen des Alltags kämpft.

Steve lebt den Prototyp eines Junggesellenlebens. Er sorgt sich über seinen bevorstehenden Haarausfall, schaut träge Dokumentationen über wilde Tiere im Fernsehen, treibt sich im Internet herum und ist abgesehen von seinem Hund ziemlich einsam. Doch Abhilfe ist in Sicht! Dem genetisch bedingten Haarausfall wird durch den geschwungenen Rasierapparat der Wind aus den Segeln genommen, die Wölfe aus der Dokumentation werden zum neuen Lieblingstier auserkoren, sportliche Betätigung wird aufgenommen und Zinédine Zidane, Weltfußballer und Kopfnusskönig, wird in einem Gedicht verewigt: "Zinédine Zidane, why did you headbutt that man? Hey Zidane, that man you headbutted…why?"

Geschickt lenkt Stockler unseren Blick auf Situationen, in denen man sich allzu leicht wiedererkennen und vielleicht sogar verlieren kann. Das ist manchmal melancholisch, meistens geistreich und gegebenenfalls urkomisch – oder alles zugleich. Der kurze Einblick, den man in Steves Leben erhält ist massenkompatibel, auf das eigene Dasein anwendbar und generell von hohem Wiedererkennungswert.

Steht Steve unter dem heißen Wasserstrahl seiner Dusche und sinniert über seine Existenz, seine Träume und die Postkarte eines Freundes aus Montenegro, wächst der eigene Wunsch, sich selbst in die heimische Duschkabine zu stellen, die Probleme der Welt anzugehen und sie zu lösen – oder zumindest darüber nachzudenken. Oder einfach zu duschen und danach eine Tierdokumentation zu schauen. Interessiert ja nicht die Bohne.

Maybe I’m mental

Eine Filmkritik von Sita Urban

Der Scheinwerfer geht an, ein kleiner roter Mann in Form einer Erdnuss steht verloren im Mittelpunkt des Bildes und beginnt sein Instrument, eine „Melodica“ zu spielen.

Der kleine Protagonist, Steve, erzählt Anekdoten aus seinem Leben. In den kurzweiligen sieben Minuten des Filmes, bekommt der Zuseher Einblicke in Steves Alltag. Er lebt, isoliert von seinen Mitmenschen, in einem abgelegenen Haus. Nur mit einem Hund, von dem er nachts träumt, teilt er das Dach über dem Kopf. Steve geht seinen alltäglichen Aktivitäten nach: ein Besuch am Meer, ein Ausflug in den Park, die tägliche Dusche und Nächte in einer Bar. Er glaubt, er leidet an Depressionen – sein Doktor rät ihm Sport zu betreiben. In der Nacht halten ihn konfuse Gedanken wach, die ihn auch tagsüber begleiten. Immer wieder werden seine Haare zum Thema, mit jedem Tag verliert er mehr und mehr, bis er sich schließlich selbst eine Glatze schert. Seine kleinen Obsessionen reichen von dem glatzköpfigen Zinédine Zidane zu Wölfen, die seine neuen Lieblingstiere sind, nachdem er eine spanische Dokumentation gesehen hat.

Der Filmemacher Luiz Stockler, ursprünglich aus Brasilien, in Wales aufgewachsen und jetzt sesshaft in London, arbeitet in seinem Animationsfilm mit minimalistischen Elementen – und das nicht nur auf visueller Ebene. Stockler reduziert seinen Film auf das notwendigste: einfache, klare Formen; spärlicher aber genau durchdachter Farbgebrauch und einer einzelnen Erzählerstimme, die Steves Gedankengänge wiedergibt. All diese formalen Merkmale harmonisieren wunderschön mit der unterliegenden Thematik der Erzählung: Isolierung, Einsamkeit, Selbstzweifel, Depression.

Der kleine Protagonist wirkt winzig und hilflos in der großen, weiten Welt, die sich ihm darbietet. Viele Einstellungen zeigen ihn, umgeben von weiter Leere, einem weißen Nichts. Kuriose Ängste, absurde Gedankengänge und nagende Selbstzweifel verfolgen Steve, für den der Zuseher schon bald Sympathie empfindet. Wunderbar zum Ausdruck kommt das Thema der Einsamkeit in folgender Szene am Meer: Steve steht vor dem endlosen weiten Ozean, ein blauer Herr im Rollstuhl gesellt sich zu ihm, doch die beiden wechseln kein Wort miteinander. Der kleine rote Steve wirkt in diesem Moment, vor allem im Kontrast zum blauen Meer, besonders klein und hilflos – er sticht heraus, passt nicht in seine Umgebung. Obwohl die behandelten Themen nicht wirklich fröhlich, sondern eher bedrückend sind, lässt es sich Stockler nicht nehmen, die Geschichte mit trockenem, britischem Humor zu untermalen. Aufgrund der subtilen Komik wird Steves Alltag auf besonders schmackhafte Art und Weise erzählt.
 
Das vorliegende Werk ist herrlich humorvoll und bringt zum Schmunzeln. Eine Identifikation mit der Hauptfigur ist naheliegend – denn ein bisschen „Steve“ steckt in jedem von uns, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Banale Gedanken, Selbstzweifel und das Gefühl von Einsamkeit erlebt jeder früher oder später für sich selbst. Und ganz ehrlich, wer hat sich nicht schon gefragt: „Zinédine Zidane, why did you headbutt that man?“

Maybe I’m mental

Eine Filmkritik von Sandrino Weghofer

Ein Traum in dem man Sex mit dem eigenen Hund hatte – ob das noch normal ist?
Montenegro erzählt die Geschichte eines kleinen roten Männchens, welches befürchtet an postnataler Depression zu leiden. Seinen Arzt konnte er damit nicht überzeugen und so wurden ihm einige Gymnastikübungen empfohlen, die ihm dabei helfen sollten wieder zu einem klaren Verstand zu kommen. Selbst das Thema Haare spielt für ihn eine bedeutende Rolle – sie fallen aus. Dem Haarausfall wirkt er jedoch entgegen, indem er sie abrasiert.

So skurril die Handlung dieses Kurzfilms auch sein mag, so bedeutend ist sie für Luis Stockler, dem Regisseur von Montenegro: "I liked the idea of isolation, and how depression can make you feel alone and small, it can make you so self-involved that you neglect the wonderful things around you." Stocklers Ziel war es eine komplexe Geschichte zu kreieren, die visuell sehr simpel und minimalistisch erscheint.
 
In Montenegro überwiegen hauptsächlich Einstellungsgrößen wie der Extreme Long Shot (Weit), welcher das Gefühl von Einsamkeit und Isolierung noch mehr hervorhebt und dem Long Shot (Totale) – Ausnahmen bilden einige Close-Ups. Das Anliegen Stocklers, den Kurzfilm so minimalistisch wie möglich zu gestalten, lässt sich einerseits am Zeichenstil, der an die Ästhetik des österreichischen Comiczeichners Nicolas Mahler erinnert, andererseits an der schlichten Farbgebung erkennen. Alle Animations-Zeichnungen wurden in dem Programm Flash erstellt und anschließend in die Compositing- und Animationssoftware After Effects eingefügt.

Tontechnisch knüpft Montenegro an das bereits simple Bild an und kommt, bis auf die immer wiederkehrenden Klänge einer Melodica, ohne einem eigens produzierten Soundtrack aus. Die realitätsgetreuen Geräuscheffekte, wie beispielsweise das Rauschen des Meeres oder das Brummen des Haarschneiders fügen sich tadellos in das Gesamtgefüge der Kurzanimation ein und lassen Montenegro noch lebhafter wirken. Hinzu kommt ein beständiges Voice-Over, in Form von partiellen Off-Kommentaren, das dem Zuschauer Hintergrundwissen vermittelt und ihn in das Gehirn des Protagonisten – des kleinen roten Männchens – hineinversetzt, um so dem Verlauf des Geschehens besser folgen zu können.

Der Kurzfilm Montenegro ist ein Paradebeispiel für Existenzkrisen und deren Auswirkungen. Wir alle könnten sie bekommen. Wir alle hatten sie vielleicht schon. Wir alle könnten aber auch versuchen sie zu vermeiden.