Ein Hauch Magie

Eine Kritik von Johannes Anton Resch

Magie ist Technik, die wir noch nicht verstanden haben. Mit dieser Anlehnung an Arthur C. Clarke möchte ich zusammenfassen, was ich dank Robert Seidel erlebt habe. Die Masterclass des Filmemachers fand an einem Sonntag im Österreichischen Filmmuseum statt und um ganz ehrlich zu sein, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Ich kannte weder die Arbeiten von Seidel noch ihn persönlich, noch war ich mit der Materie an sich vertraut.

Nach einigen einführenden Worten zu seiner Person im Gespräch zwischen ihm und Tina Frank wurde das erste Filmbeispiel Meshes of the Afternoon, Regie: Maya Deren, RU/US 1943 gespielt, welches Seidel als starke Inspirationsquelle bezeichnete. Der Film zeigt mehrere ineinander verschachtelte Traumsequenzen einer Frau, in denen sie die Beziehung zu ihrem Mann aufarbeitet. Für die damalige Zeit wirkt der Film sehr avantgardistisch und folgt einer äußert komplexen Erzähldramaturgie, die auch auf heutige Zuschauer eine bizarre Faszination ausübt. Nach einem kurzen Diskurs zwischen Seidel und Frank wurde uns E3, Regie: Robert Seidel, DE/GB 2003 gezeigt. Ein frühes Werk, dass zu den – wie Seidel betonte – wenigen Frühwerken zählt, die er noch der Öffentlichkeit präsentiert. Der Film ist ein Ineinanderfließen von gezeichneten und gemalten Bildern, die während eines dreimonatigen Aufenthalts in Großbritannien entstanden sind, um diese Erfahrung festzuhalten. E3 erinnert an Sans Soleil von Chris Marker aus dem Jahr 1983, da in ihm ebenfalls unterschiedlichste Eindrücke ineinander überfließen, auch wenn E3 eine stärkere bildliche Erzählebene hat. Das generelle Gefühl, das beim Rezipienten ankommt, ist das eines gescheiterten Versuches in neuer Umgebung dem Alltagsrhythmus zu entfliehen.

Ein weiteres Filmbeispiel von Seidel war _grau, Regie: Robert Seidel, DE 2004. Und dort fing für mich die Magie an. Ich sah Bilder, die ich so noch nie sah. In einem Gemisch aus biologischen Strukturen und bizarren Landschaften gelingt es Seidel Emotionen in ihrer reinsten, nämlich einer irrationalen Form zu vermitteln. Man kann ohne auch nur ein Detail über den Film oder seine Hintergrundgeschichte herauslesen, welche Emotionen darin auftauchen. Im Gespräch zwischen Seidel und Frank ging hervor, dass man selbst heute noch nicht genau nachvollziehen kann, welche Technik genau hinter diesen Bildern steckt und das Seidel für damalige technische Verhältnisse Unglaubliches schuf. Nicht nur, dass er dadurch einen „magischen“ Vorsprung der Technik gegenüber hat, nein auch die Art der Gefühlsvermittlung ist nahezu magisch. Wir sind inzwischen gewohnt – gerade im Film – mit fertigen Bildern, die eine klare Botschaft vermitteln, versorgt zu werden. Robert Seidel zeigt in _grau, dass es nicht einmal explizite Form dafür braucht. Auch wenn das Gefühl das ich verspürte an sich kein positives war, so war ich tief bewegt.

Ebenso erging es mir bei Folds, Regie: Robert Seidel, DE 2011. In Zusammenarbeit mit dem Lindenau-Museum in Altenburg projizierte Robert Seidel sich bewegende, biologisch anmutende Strukturen auf beschädigte antike Skulpturen und holte diese dadurch für Momente zurück in die Lebendigkeit. Aufgrund der Mischung der damaligen höchsten Technik und Kunstfertigkeit und unserer heutigen wurden diese Relikte alter Zeiten in unsere geholt und die klassische Schönheit der Skulpturen in eine heutige Ästhetik übersetzt. Das Hybridprodukt entzieht sich aber beiden Ästhetiken komplett und erschafft eine ganz eigene Welt. Eine magische eben.

Ein ähnliches Werk ist Grapheme, Regie: Robert Seidel, DE 2013. Der Künstler projiziert auf ein in der Luft hängendes Papiergebilde, das an sich schon wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt wirkt. Durch die Projektion eines Filmmaterials wird dieses jedoch aus seiner Statik gelöst, ebenso wie sich der Rahmen des Gefilmten auflöst und beide Medien miteinander zu etwas vollkommen Neuartigem verschmelzen. Nicht nur die Formen und Strukturen, die auf dem Papier zu sehen sind, wirken unheimlich spannend, nein auch der Schattenriss der Installation eröffnet eine eigene Welt. Beim Betrachten fällt man automatisch ins Philosophieren über Wirklichkeit, Wahrnehmung, Schein und Sein. Scrape, Regie: Robert Seidel, DE/KR 2011 ist ein Grapheme größerer Dimension. Auf einer von Seouls Medienfassaden zeigt er seine organisch-technischen Strukturen, die sich über der Stadt entfaltet. Wieder einmal verbindet er zwei unterschiedliche Welten miteinander, die Stadt und „Naturtechnik“. Blütenähnlich entfaltet sich die Animation auf dem Wolkenkratzer und schenkt der Stadt ein wenig Ruhe in all der Hektik.


Das letzte in der Masterclass vorgeführte Werk und meiner Meinung nach das beeindruckendste heißt Advection, Regie: Robert Seidel, DE 2013. Es ist eine Videoprojektion auf Wasserfontänen und wurde bei der Eröffnung der vierten Lichtsicht Biennale in Bad Rothenfelde gezeigt. Diese Arbeit bewegte mich allein durch seine Kunstfertigkeit und die Umsetzung der Idee in Wasser Bilder zu zeigen. Die Projektion folgt der Bewegung der Fontäne und Robert Seidel wies daraufhin, welch große Herausforderung diese Aufgabe an ihn stellte. Ich empfehle tatsächlich jedem sich dieses Video auf Robert Seidels Plattform auf Vimeo anzusehen. Am besten mit Kopfhörern und im Dunkeln, denn das garantiert definitiv einen Ausflug in eine andere Welt. Ich persönlich sah in den Projektionen sämtliche Erscheinungen und fühlte mich fast ein bisschen wie auf einem Trip, bzw. als hätte ich gerade ein tiefes spirituelles Erlebnis. Ich musste die ganze Zeit an die Wagneroper Lohengrin denken und die Gralserzählung. Doch genau das ist das wunderbare an Seidels Werken. Durch ihre Ungebundenheit an Form und die Symbiose von meist zwei konträren Medien öffnet sich ein Raum zur Selbstreflexion im Rezipienten.

Auf meine Frage, ob er denn selbst spirituell sei, antwortete er mit „nein“. Er sieht in allem einen biologischen Zusammenhang und seine Kunst von einer sehr rationalen Seite, auch wenn er seine eigenen Erinnerungen und Emotionen miteinfließen lässt. Und da sind wir für mich wieder bei der Magie. Ist es denn nicht fast magisch, wie jeder einzelne Mensch sein Leben und die Welt wahrnimmt, diese reflektiert und in einer Form wiedergibt die anderen Menschen vielleicht zugänglich, doch nie ganz verständlich ist?
Ich hatte keine Erwartungshaltung, als ich diese Masterclass besuchte und wurde mit einer unheimlich schönen Erfahrung beschenkt. Robert Seidel ist für mich eine Inspirationsquelle und seine Werke ein Pol der Ruhe geworden auf die ich zurückgreifen kann. Ich bin gespannt was noch von ihm zu sehen sein wird!

Zu Beginn eines nahenden Gewitters

_GRAU, Regie: Robert Seidel
Eine Filmkritik von Elke Haberl

„mf ...for me life consists of black and white only....“
„rs ...I think there is just the in-between...“

Robert Seidel lässt uns Zuschauer zehn Minuten lang in eine abstrakte, surreale Welt mit unglaublicher Tiefe blicken. In der Unendlichkeit eines anfänglich schwarzen Raumes, bringt Seidel endlos viele Farbvariationen zum Einsatz. Doch Seidels Räume bleiben nie in sich bestehen, sondern wandeln sich stets und somit tauchen wir als nächstes ein in Seidels „weiße Welt“, in der schwarze körperähnliche Gebilde im Nichts hängen und durch eine Art Netz miteinander verbunden sind. Auch diese Körper bleiben in ihrer Form nicht bestehen, sie verändern sich, beginnen sich von ihrem schwarzen Kontrast zu lösen und an manchen Stellen grau zu werden. Alles wandelt sich in dieser Animation, das Visuelle, das Auditive sowie die Wahrnehmung des Zuschauers. Seidel zieht uns immer weiter in seine Welt und fesselt den Zuschauenden in seiner Gesamtheit.

Uns werden viele unterschiedliche Gebilde vorgeführt. Ein weiches graues, rosa schraffiertes Etwas ist zu sehen. Die Gebilde sind surreal und abstrakt, beinhalten aber dennoch etwas Lebendiges, etwas Fleischig-menschenartiges, ja etwas prachtvoll Schönes. Denn Seidel zeigt uns seine Welt in dreidimensionaler Kraft, was besonders betroffen macht, wenn sich die Gebilde im Raum drehen und immerzu ihre Struktur verändern.

Die mystische Musik, die teils nur aus Geräuschen und einzelnen Klängen besteht, betritt ebenfalls die Gradwanderung zwischen Weichem und Bedrohlichem und eben dem Dazwischen. Musik und Bild verändern sich parallel. Wenn sich das vorhin weich-graue-rosa Gebilde ins bedrohliche Schwarz mit kräftigem Magenta verwandelt, wechselt auch der Sound.

Seidels Welt ist keine Irdische, aber wie bereits erwähnt, beinhaltet diese dennoch immer auch etwas Leibliches, wie das Schlagen unseres Herzens oder ein Muskel, der sich je nach Zustand verändert. Seine Welt ist wie das Leben, ein stetiger Wandel und eine Gradwanderung zwischen allen verfügbaren Gegensätzen, ein Tanz des Dazwischen. Wir sehen wie sich etwas bildet oder etwas verbildet, es erscheint wie ein sich rasant entwickelnder Embryo-Horizont in einem sich verändernden weißen oder schwarzen unendlichen Raum. Dabei lässt er immer wieder stark minimierte Alltagsobjekte kurz erscheinen, wie zum Beispiel einen kahlen verästelten Baumwipfel, der sich aber sofort wieder in seiner Form auflöst, ins Surreale zerfällt und sich zu einer Art neuem Baum – einem Phantasiegebilde – zusammenbraut. Das Wort zusammenbrauen lässt sich hier ganz passend verwenden, denn die Veränderung der Bilder können mit der Atmosphäre zu Beginn eines nahenden Gewitters annähernd beschrieben werden.

Alles schwebt und auch das, was jeder einzelne Zuschauer in diesen Bildern sehen mag, schwebt, denn so unendlich das Dazwischen von weiß und schwarz ist, so unendlich ist auch das, was in den Bildern zu finden ist. _GRAU ist ein Film, der unseren teils grauen Alltag mit der Farbe Grau aufbricht und uns in weitere Sphären blicken und phantasieren lässt. Ein Film, der uns die eigene Beengung nehmen kann, aber bestimmt auch noch vieles mehr.

Das In-Between

_GRAU, Regie: Robert Seidel
Eine Filmkritik von Lena Steiner

Ich muss zugeben, dass ich anfangs meine Schwierigkeiten mit den Arbeiten von Robert Seidel hatte. Sie sind großteils konfus, chaotisch und beanspruchen die Kräfte eines menschlichen Auges massiv. Trotzdem ist mir vor allem sein Werk _grau stark in Erinnerung geblieben.

Mittlerweile denke ich zu wissen warum: Nachdem ich sein Werk weitere Male gesehen hatte, war ich erst im Stande zu fassen, was auf der Leinwand passiert. Zu Beginn die verspielten Animationen in Farbe, die sich in einer weißen Bildfläche auflösen, gefolgt von einer Demonstration der Vielfältigkeit, die Seidel hier nur mit der Farbe Grau erzeugt. Seine Animationsweise variiert von sehr harten und spitzen Figuren bis hin zu wolkenartigem Rauch. Die Feinheiten, die dazwischen liegen, sind unzählbar. Es wirkt als würde seine technische Animation wachsen. Figuren, die aus anderen erst entstehen. Die Musik dazu spiegelt oft die Dichte der Animation wieder, was mir persönlich sehr gut gefällt, da sie eigentlich sehr einfach gestaltet ist, kaum auffällt und trotzdem dem Ganzen noch Spannung zuträgt. Es ist eine Gradwanderung zu den visuellen Eindrücken weitere Dramatik beizufügen.
 
Seidels Werk lebt von so kleinen Details und Einzelheiten, die man alle zusammen gar nicht fassen kann. Mit jedem Mal Ansehen hatte ich das Gefühl mehr zu sehen, mehr zu verstehen und mehr zu erkennen. Ich frage mich, ob man eine solche komplexe Animation wirklich komplett entziffern kann und ob Robert Seidel selbst immer wieder überrascht ist, wenn er sich _grau ansieht. Ich hoffe für ihn sehr, dass es so ist, denn das macht für mich dieses Werk zu etwas Besonderem: Diese unüberschaubare Komplexität, die er hier animiert hat.
 
Wenn ich das richtig verstanden habe, sagt er selbst, er wolle in Form von Computeranimation Technik und Natur zusammen bringen. Ich als Laie kann bestätigen, dass es genau so wirkt. Seine Animationen sind weder rein technisch, noch rein organisch, sondern etwas dazwischen. Und das ist auch der Satz, welchen man zu Beginn seines Werkes auf der schwarzen Bildfläche lesen kann.

"mf... for me life consists of black and white only...
rs... I think there's just the in-between..."
Und nun verstehe ich.