Konstruktion und Dekonstruktion

Eine Filmkritik von Valentin Salihu

"Wahnsinn, was man alles aus einem langweiligen, schäbigen und verstaubten Büroraum heraus holen kann!" – dies mögen sich viele, mich eingeschlossen, nach dem knapp vierminütigen Kurzfilm gefragt haben. Während andere jedoch damit leben konnten und ihre Wahrnehmung bereits auf die nächsten Vorstellungen konzentriert war, blieben meine Gedanken noch daran kleben, so als würde ich nach einem einmaligen abstrakten Theaterereignis einen Sinn heraus zu filtern versuchen. Denn Los Andes ist ohne Zweifel einer der Filme, die man mehrmals sehen muss, um überhaupt einen kleinen Lichtblick erhaschen zu können, nur um dann nach jedem neuen Sehen eine frische Bedeutung hinzu meißeln zu dürfen.

2012 entstanden, ist Los Andes – neben Padre.Madre., El Templo und El Arca der vierte Teil eines Kurzfilm-Serien-Projekts mit dem Namen The Third World des Künstlerduos Cristóbal León und Joaquín Cociña aus Chile. Jeder Kurzfilm erzählt, unabhängig von den anderen, seine eigene Geschichte, seinen eigenen Mythos. Jetzt mag sich manch einer denken: "Was kann denn aus einem Büroraum schon so unglaubliches kommen, dass es einen derart nachdenklich macht?" Nun, um dies zu beantworten, bedarf es einer reflektierenden Darstellung der verschiedenen Ebenen des Kurzfilms.

Von Beginn an wird eine unbehagliche, dunkle Atmosphäre vermittelt. Eine Kamera führt den Zuschauer mit hektischen Bewegungen durch eine Tür in den dunklen, engen Büroraum, der durch das Kameralicht nur begrenzt beleuchtet wird und der klaustrophobischen Enge einen weiteren Beitrag leistet. Akustisch wird der Vorstellungsraum durch eine mysteriös flüsternde, spanisch sprechende Erzählerstimme eröffnet, übersetzt in englischen Untertiteln mit den Worten: "You called me and I came to you... who are you?" Es ist keine Musik zu hören, was sich im Laufe des Films auch nicht mehr ändert. Langsam wird klar: das ist keine farbenfrohe Weihnachtsgeschichte, zu der man gerne Oma-Gebäck essen und einen heißen Tee trinken will. Dabei hat der Spaß noch nicht einmal begonnen. Die Kamera führt durch den Büroraum und zeigt typische Objekte; einen Computer, einen Drucker und Kartons. Der Raum hinterlässt einen verlassenen und schäbigen Eindruck, man sieht sogar Ratten umherschleichen.

Und dann beginnt der Lauf der Obskuritäten. Aus dem Computerbildschirm kommen papierartige Skulpturen wie Wurzeln rausgeschossen, die anschließend zu Bäumen heranwachsen und nach und nach den Raum überwuchern, während die flüsternde Stimme eine Geschichte über einen verschollenen Schatz erzählt. Der Raum verfärbt sich nun vollkommen schwarz und aus dem Boden erscheint eine riesige Hand, die das Zimmer verwüstet und eine Pflanze in sich verschlingt, bevor sie wieder dekonstruiert und in abstrakten Formen zu einem Wandgemälde projiziert wird. Der Erzähler flüstert nun von Riesen: "The first travelers from other worlds... they built stone monuments". Das Geschehen bekommt erstmals eine märchenhafte und mythische Stimmung. Das Wandgemälde wird wiederum verzerrt und zerstört, durch eine unsichtbare Macht herausgerissen, nur damit die Überreste der Tapete zu einer neuen Skulptur zusammenwachsen, aus der schließlich ein golden-farbiger Riesenkopf mutiert. Am Ende verwandelt sich der Raum ein letztes Mal in eine tempelartige Stätte. Inmitten dieses Tempels befindet sich ein Tisch, zu welchem die Kamera sich stark und schnell angezogen fühlt und durch eine auf dem Tisch erscheinende Tür hineinfährt, das den Schluss mit den Worten "All of us will be Gods, creators of new flowers", verkündet.

Die Animationstechnik, mit der hier gearbeitet wurde ist zwar klar – die Stop-Motion-Technik. Aber die Art und Weise, wie diese umgesetzt wurde, ist höchst originell und innovativ. Zum einen zweidimensionale Malereien auf den Wänden, zum anderen die sich ständig verformenden Skulpturen. Man könnte meinen, es ist eine Object-Animation, aus der skulpturale und beinahe puppenähnliche Figuren geformt werden – also eine Verschmelzung von Sach- und Puppenanimation? Besonders interessant sind die für die Animationen verwendeten Objekte; es sind Kartons, alle möglichen Papiere und Papierschnipsel, Klebeband und weitere Dinge, die man in einem Bürozimmer finden kann. Und wo findet nochmal das Geschehen statt? Ganz richtig, in einem Büroraum.

Es wird also mit Objekten animiert, die man genauso gut auch aus dem Müll hätte entnehmen können. Damit geben León und Cociña dem von Bertholt Brecht verwendeten Begriff des "Lumpensammlers", also das neue Verwenden von weggeworfenem Material, eine ganz eigene Bedeutung und dem Künstlerduo gelingt ein neues Werk in ihrem ganz eigenen Ausdrucksstil. Die Kameraarbeit leistet dabei einen überaus wichtigen Beitrag, was bei Stop-Motion natürlich bedeutet, wie die Bilder aufgenommen wurden. Die Bilder wurden so animiert, dass die Illusion der Bewegung durchgehend hektisch erscheint. All dies addiert zu dieser klaustrophobisch-engen und fast schon eiligen Atmosphäre, die durch die durchgehende und nicht von Schnitten unterbrochene Handlung einen fließenden Untergrund bekommt.

Die Verwüstung des zivilisierten Raums durch Objekte aus eben jenem Raum. Die Konstruktion, der die Dekonstruktion folgt – das Erschaffen und Zerstören. Alte Formen machen den neuen Formen Platz, wobei die alten ihren eigenen Untergang herbeiführen – im Wandel der Zeit. Erinnert das nicht stark an die Geschichte der Menschheit, der Erde, des Universums? Und der Urheber dieser Verwüstungen? Er wird als "Urgeist" beschrieben; derselbe Urgeist, der seine Macht über die Veränderung unseres Universums spielen lässt? Demnach hat diese märchenhaft und mythisch erzählte Geschichte einen apokalyptischen Umhang.

Aber das sind nur die Ergebnisse eines Augenpaars. Dieser Kurzfilm wirkt einladend für alle möglichen Bedeutungswelten, kann aber auch in einer Sinnlosigkeit als schön empfunden werden – oder eben unschön. Ein wirklich gelungener vierter Teil der Kurzfilm-Serie des Künstlerpaars Cristóbal León und Joaquín Cociña. Man kann nur gespannt sein, was sie uns als nächstes vor die Augen setzen.

Prophezeiung aus den Anden

Eine Kritik von Philipp Ziegelwanger

Prophezeiungen geschehen nicht mehr an mystischen Orten, sondern an den elektronischen Arbeitsplätzen unserer Gegenwart, an denen wir wachkomatös unser Dasein verbringen.

Zwischen 2010 und 2013 haben es sich die chilenischen Filmemacher Cristóbal León und Joaquín Cociña zur Aufgabe gemacht in der Kurzfilmtrilogie The Third World Fundamente eines neuen Glaubens zu thematisieren. Die Filme El Templo, El Arca und Los Andes zeigen das Aufsteigen eines Mythos und den immanenten Verfall einer Gesellschaft. Der vorherrschende Kanon wird zerschlagen und scheinbar Schönes entpuppt sich als Bestialisches.

Los Andes spielt in einem dunklen, spärlich möblierten Büroraum. Ein Führungslicht, das dem Zuseher in einer first Person POV langsam den Raum erhellt, lässt das Publikum in klassischer Stop-Motion-Manier die Inbesitznahme durch eine göttliche Macht verfolgen. Es ist kein klassisches Feuer, durch das eine göttliche Lichtgestalt erscheint, sondern Plastik- und Papiermüll baut sich nach und nach vor dem Publikum auf und formt sich zu einem gewaltigen Pappgesicht zusammen. Spätestens als die Figur in ihrer Vollendung Farbe annimmt, erinnert es an eine indogene Statute vorkolonialer Zeiten.

Doch die Filmemacher bedienen sich sehr wohl klassischer Symboliken. Im Raum vollzieht sich permanente Veränderung: Ein bewegendes Auges, das innerhalb eines spitzwinkeligen, weißen Dreiecks wach seine Blicke nach rechts und links richtet, hat sich in der Ecke des Raumes positioniert. Es ist das göttliche Auge der Vorhersehung und ist umhüllt von einer schwarzen Wand. Aus dem Auge beginnen sich rasch rote Linien zu ziehen, die an ihrem Ende Feuer fangen. Aus den lodernden Flammen entspringen weiße Berge – die Anden. Hier haben sich die Giganten der Urzeit bis heute versteckt und sind fast in Vergessenheit geraten:
„Here in the south, the giants were hermaphrodites. They helped to shape the continents. The hid inside the mountains“. Eine geheimnisvolle, düstere Stimme erzählt die Urgeschichte einer mystischen Welt und ihrer Urgewalten, welche einst die Kontinente geformt und bis heute geschlummert haben.

Im Büro werden Computer, Drucker, Tische und Sessel von Pflanzen umklammert, der gläserne Computerbildschirm zerspringt. Es wachsen Äste heraus, die sich unaufhaltsam ihren Weg durch das Zimmer kämpfen. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Die Prophezeiung ist bereits ein Teil angekündigter Veränderungen, die göttliche Gestalt thront auf einem Müllhaufen aus Papier, kaputten Büromöbeln und allem, was das Zimmer noch vor wenigen Momenten ihren pragmatischen Charakter verliehen hat. Eine neue, goldene Generation wird aus der Asche des Gegenwärtigen emporsteigen.

Mit der vierminütigen Animation hat das Duo León und Cociña auf renommierten Festivals wie dem Locarno International Filmfestival reüssiert und seine Weltpremiere bei der Venice Art Biennale gefeiert. Am VIS-Vienna Independent Shorts-Festival hat sich dieses einzigartige Werk mit ihrer ästhetischen Wirkkraft und der politische Brisanz eine „lobenswerte Erwähnung“ durch die Jury redlich verdient.