Menschlich Monumental

Eine Filmkritik von Laura Helene May

Sowohl Momentum als auch Konturen behandeln im Prinzip das Thema menschlicher Überforderung. Ihre Zugänge sind komplett verschieden, es lässt sich jedoch sehr gut erkennen, welch tiefe existenzielle Gedanken beiden Filmen zugrunde liegen. Naïmé Perrette und Josefine Berkholz & Brenda Lien drücken etwas unserer Zeit sehr eigenes aus. Die Überlastung von Informationen im Alltag, den immer größer werdenden Drang der Menschen alles zu verstehen und das immer größere Scheitern an genau diesem Versuch. Die Filme sind ein Apell sich wenigstens zwischendurch einmal dem Zufall und dem Unverständnis zu beugen, um somit ein kleines bisschen Klarheit im Chaos zu gewinnen..

Josefine Berkholz & Brenda Lien, deren Film ursprünglich auf einem Comic Buch basiert, suchen die „connections between the music and the picture“ nicht im geplanten Zusammenspiel, sondern im Zufall. Konturen ist eine Collage aus Bild, Ton und dem gleichnamigen Text. Den Film zu sehen, ist wie eine Reise durch das eigene Gehirn, bei der einem schmerzhaft klar wird, wie gefangen man in seinem eigenen kleinen Kosmos der Subjektivität ist. Allein der Fokus, den man selber setzt ist von Relevanz: „selbst Nichtigkeiten werden wichtig, wenn man lange genug darüber nachdenkt“. Doch wie kann man den Punkt finden, auf den man den Fokus setzten sollte? „Und da komm ich manchmal dazu mir eine Linie zu wünschen“, einfach einen Weg zu sehen, den man nur begehen muss und der keine tausend Abzweigungen hat.

Der Film lässt nur zwischendurch Figuren erkennen und Wörter erlauschen, er holt den Zuschauer immer wieder zurück, schreibt aber nichts vor, „weil die wichtigen Dinge zwischen den Zeilen stehen“. Der Text behandelt unter anderem das Netz einer namenlosen Stadt, in der man gezwungenermaßen immer wieder fremde Orte aufsucht, an denen man dann gar nicht sein will. „Das Kind der unbegrenzten Möglichkeiten“, welches „jeden Tag über selbst gezeichnete Grenzen“ geht, verzweifelt nach dem richtigen Weg sucht und, wenn es diesen gefunden hat, doch in eine andere Straße einbiegt. Die Bilder und der Ton untermalen dieses Szenario, indem sie sich, sobald sie sich gefunden haben, sofort wieder trennen und voneinander weg bewegen. Das Aufbauende ist, dass der Mensch gar keine vorgegebenen Wege, keine klaren Bilder braucht, denn: „eigentlich brauchen wir nur Konturen, weil Füllfarben bei Regen verschmieren“.

Naïmé Perrette behandelt auch die Thematik der Sinnesüberflutung, betrachtet die Dinge jedoch aus einer komplett anderen Perspektive. Das Chaos in Momentum passiert nicht wie bei Konturen im psychischen Inneren, sondern in der Außenwelt. Zum einen werden triviale realfilmische Szenen gezeigt, in denen Gefahren erscheinen, die den Menschen offensichtlich unberührt lassen, wie beispielsweise eine Szene in der ersten Minute, in der Frauen in Liegestühlen liegen und den neben sich brennenden Baum nicht beachten. Zum anderen sieht man den Menschen im Kampf gegen die Naturgewalten, wie in der Szene während der vierten Minute, wo Kampfsportler gegen Wind und Wolken ankämpfen. Naïmé Perrette stellt in monumentalen Bildern die menschliche Beschränktheit der Unendlichkeit des Universums gegenüber. Sie verarbeitet hier laut eigenen Angaben Traumerfahrungen, in denen Situationen der Häuslichkeit und Weltuntergangsszenarien vereint werden.

Im Gegensatz zu Josefine Berkholzs & Brenda Liens Arbeit, sind die Grenzen bei Naïmé Perrette nicht selbst geschaffen, sondern einfach eine Konsequenz der menschlichen Natur. Es sind keine inneren, sondern äußere Grenzen, was allein schon von den überwältigen Realbildern untermalt wird. Die Gefahr entsteht nicht im Kopf des Menschen wie bei Konturen, sondern dieser bemerkt sie meistens nicht und bleibt im Unwissen darüber, welch nebensächliche Rolle er im großen Ganzen spielt. Der Kampf des Menschen bei Perrette scheint gegen ein äußeres Chaos gerichtet zu sein, das unendlich weit, und aufgrund seiner Größe unerkennbar wirkt, während sich das Problem bei Berkholz & Lien quasi in die andere Richtung umstülpt. Hier gilt der Kampf dem inneren Chaos, welches sich in immer kleinere Teile spaltet, deren Konturen irgendwann nicht mehr zu erkennen sind.

Beide Filme nähern sich dem selbe Problem an und treffen sich an einem Punkt in der Ferne, da + ? und - ? doch am Ende denselben Punkt erreichen. Sie berufen sich auf eine tiefe menschliche Angst und arbeiten im Zuge dessen mit einer auf zwei unterschiedliche Arten ausgeführten, doch gleichwertigen Ästhetik der Unverständlichkeit.

Bilder im Kopf

Eine Filmkritik von Marianne Sayer

Im Rahmen des diesjährigen Vienna Independent Short-Festivals wurden am 25. Mai einige animierte Kurzfilme von Mariola Brillowska und ihren Schülerinnen im Stadtkino im k-haus gezeigt. Darunter auch ein Kurzfilm von Brenda Lien. Zu sehen war viel, zu erkennen nicht, zumindest nicht von Anfang an. Die bunt flackernde Leinwand irritiert das Auge vorerst sehr, und auch die Musik, welche dabei zu hören ist, dient nicht zur Beruhigung. Viele weibliche Stimmen sprechen durcheinander und nur Satzfragmente sind herauszufiltern. Ähnlich sieht es mit dem Bild aus.

Auf schwarzem Hintergrund sind zuerst unzählige Linien und Punkte, die das Bild wie einen Fehler am Computerbildschirm erscheinen lassen. Allmählich werden Konturen weiblicher Figuren erkennbar, die gegen Ende des Films immer deutlicher zu erkennen und länger zu sehen sind. Die Haltung der Figuren ist weniger stolz, als bedrückt. Die Frauen kauern oder beugen sich zu Boden, genau deuten kann man die Figuren allerdings aufgrund des immer noch stark flackernden Bildes nicht. Mit Feinleinern, wie die junge Produzentin des Kurzfilmes nach der Vorstellung der Filme erklärte, zeichnete sie die unterschiedlichen Bilder, über welche sie später Effekte applizierte. Die ebenfalls von Brenda Lien produzierte Musik suggeriert ein ähnlich verstörendes Bild. Zu den elektronischen Tönen rufen verzweifelte, gemischt mit nachdenklich philosophierenden Stimmen. Gedacht war der Film als Begleitung für die Musik, und die produzierten Bilder stellen das Durcheinander der Töne exakt dar.

Um Liens Kurzfilm zum feministischen Thema des Sonntagabends beziehungsweise der späten Stunde einzuordnen, könnte man die wirre Kombination aus Bild und Ton auf unterschiedliche Weisen interpretieren. Eine eigene Interpretation gab die Künstlerin am Abend nicht, was Raum für eigene Gedanken offen ließ. Eine mögliche Art die Bilder zu deuten wäre – passend zum Stichwort Raum für Gedanken – dass sowohl Musik als auch das optisch Dargestellte einen Kopf voller Vorstellungen, Überlegungen und Hirngespinste veranschaulichen. Die immer deutlicher werdenden Satzfragmente hören sich bei genauerem Zuhören an wie mögliche Gedanken einer Person mit Komplexen und Ängsten, wie sie typischerweise Frauen zugeordnet werden. Vorstellungen wie beispielsweise, dass Frauen zu viel nachdenken und sprechen: „Laber nicht so viel“, und „Ich zerdenke meine Gedanken“, sind Exempel des Gehörten. „Ich bin ein Kind der unbegrenzten Möglichkeiten“, versichert die Stimme, als wolle sie sich selbst beruhigen. „Wenn die Welt nicht schnell genug läuft, fange ich an, mich selbst zu bewegen“. Gegen Ende, als nun auch die Konturen immer deutlicher werden, war nur mehr eine Stimme zu hören, welche einen Satz immerfort wiederholte: „Ich kann nicht alleine sein“.

Eine weitere Möglichkeit die Bilder zu interpretieren wäre, sie als Absturz eines Computersystems zu sehen. Vergleichbar mit alten Computern war auch der Ton; viel Rauschen und das Klimpern eines alten Rechners, der gerade angestrengt arbeitet. Flackernde Bilder, das Durcheinander mehrerer Stimmen und das fragmentarische Erkennen von Konturen, die allmählich deutlicher werden, deuten auf die Technik, allerdings auf eine fehlerhafte. Möglicherweise soll uns der Kurzfilm sagen, dass wir immer mehr von technischen Geräten abhängig werden, und dass ein Einsturz des Systems uns in eine Sackgasse leitet, wenn wir uns weiterhin zu sehr auf die Technik verlassen.
 
Vermutlich wollte die Künstlerin mit ihren Linien und Punkten, und mit ihrer elektronischen Musik auch eine ganz andere, oder möglicherweise gar keine konkrete Aussage machen. Was ihr Film allerdings bewirkt, ist ein bisschen Gänsehaut und eine kurze Reflexion über einen selbst.