Du bleibst wer du bist

Eine Filmkritik von Daniela Vismara

Der erste Zeichentrickfilm der gebürtigen Polin Mariola Brillowska wurde bereits ein Jahr nach seiner Entstehung bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen mit dem Grand Prix ausgezeichnet- und das zu Recht. Er handelt von einem nach Deutschland emigrierten Polen namens Grabowski, der hier als Friedhofsgräber arbeitet, sich nach Liebe und ab und an auch nach seiner Heimat sehnt. Schon hier lässt sich ein gewisser Bezug zu Brillowskas eigener Geschichte erkennen, aber sie spricht vermutlich auch für viele andere, die ihr Land verlassen haben. Die Zeichnungen, mit denen sie die tragische Geschichte von Grabowski illustriert, wirken vor allem wegen der häufigen Verwendung von roter Farbe eindringlich und warnend, sie lassen den Zuseher wie auch die Figuren des Filmes nicht zur Ruhe kommen - und so bewirkt die besondere Technik auch, dass die Handelnden ständig in Bewegung zu sein scheinen. Es ist dies vielleicht ein erstes Zeichen der inneren Rastlosigkeit und vor allem bei Grabowski ein Ausdruck seines Unglücks in seiner Umgebung. Seine kurzweiligen Liebesabenteuer mit den Witwen, die hier, auf „seinem“ Friedhof, ihre Männer begraben, stellen eher eine Ablenkung von seinem Alltag dar und enden mitunter auch mit Drohungen der anderen Hinterbliebenen. Selbst die relativ langen Kameraeinstellungen wirken, als wollten sie Grabowski festhalten und ihm einen Ausweg verwehren.

Brillowska übt in ihrem Film vor allem harsche Kritik an den Zuständen, die im Westen für Emigranten herrschen, und sie lässt dazu niemand geringeren als den Papst selbst auftreten, der dies klar und deutlich zum Ausdruck bringt. Er führt Grabowski vor Augen, dass sich seit seinem Verlassen Polens nichts an seiner Lage geändert hat (weder finanziell noch sozial) und es klingt beinahe wie ein Vorwurf, wenn er ihn daran erinnert, dass er sogar noch die selben Zigaretten wie damals in Polen raucht, wo es doch hier in jedem Geschäft weitaus bessere gäbe. Brillowska zeigt an dieser Stelle noch einmal unmissverständlich, dass die westliche Migrationspolitik alles andere als „heilig“ ist, dass sie im Gegenteil die Menschen verachtet und diese oft in den Abgrund stürzt. Auch der Untertitel des Films, Haus des Lebens, zeigt, wie kontrovers die Situation ist, werden mit „Haus“ ja vermutlich die Gräber bzw. Särge der Toten gemeint, die diese jedoch erst nach ihrem Ableben beherbergen. Für Grabowski ist dieser Ort zwar sein Arbeitsplatz, ein richtiges Zuhause wurde er ihm dagegen nie; Grabowski steht aber auch hier wieder stellvertretend für jene Migranten, denen es ähnlich erging.

Als die Geschichte plötzlich eine neue Wendung zu nehmen scheint- Grabowski verliebt sich in die Witwe Lola- gibt es für kurze Zeit die Hoffnung, er würde doch noch ein glückliches Ende finden. Die beiden genießen ihre noch frische Liebe, Grabowski spricht sogar von Heirat, doch der Zuseher ahnt bald, dass das Glück nicht von langer Dauer sein kann. Und tatsächlich: gerade als die beiden wieder eine Nacht miteinander verbringen, betritt ein unzufriedener Kunde von Grabowski sein Haus - und am nächsten Tag findet Lola diesen tot auf. In dieser letzten Sequenz zeigt sich noch einmal in aller Grausamkeit, was bereits der Papst Grabowski zu erklären versuchte. Dieser blieb letzten Endes auch in Deutschland erfolglos und ohne Liebe, als ewiger Emigrant. Und auch das Schicksal der Witwe wiederholt sich an dieser Stelle, denn der Tod hat ihr erneut einen Mann genommen. Die Brutalität in den Bildern und Farben, die letztlich mit dem Tod Grabowskis endet, wird von Brillowska bis an die Spitze getrieben und konfrontiert den Zuseher auf gewaltsame Weise mit der Realität. Ihre explizite Ausdrucksform lässt kaum Platz für Hoffnungen auf einen anderen Ausweg, und so wird jeder dazu gezwungen, sich mit den höchst unbequemen Umständen auseinanderzusetzen. So schockierend das Werk auch ist, so grandios ist es auch, gerade weil es nichts zu verhüllen sucht.

Abgeschminkte Wahrheit

Eine Filmkritik von Anna Wagnleitner

Zum elften Mal fanden in Wien die Vienna Independent Shorts statt, aber zum ersten Mal mit mir.  Zuvor hatte ich schon mal davon gehört und der Name der Veranstaltung, die in Kooperation mit den Wiener Festwochen stattfand, weckte in mir große Erwartungen.

Es war ein Sonntagabend, und vor dem Stadtkino versammelten sich schon die ersten Leute und rauchten noch friedlich, bevor wir alle den Saal betraten. Mit der VIS-Broschüre in der Hand setzte ich mich gespannt auf meinen Platz und erwartete die im Heft als „Enfant terrible“ beschriebene Filmemacherin Mariola Brillowska. Nach einer kurzen Vorstellung ihrerseits ging der Vorhang auf - und bei mir kam Nervosität auf. Der Filmtitel Grabowski, Haus des Lebens (DE 1990) flimmerte in kleingeschriebenen Lettern, wie man es schon zu Bauhaus-Zeiten kannte, über die Leinwand. Mein erster Gedanke widmete sich der abstrakten Zeichentechnik, die durch die ständige Bewegung mir das Gefühl vermittelte, nie mehr zur Ruhe kommen zu können. Die Kamera führt den Zuschauer zu einer trauernden Menschenmasse über einen Friedhof. Eine schwarzgekleidete Frau kommt zu einem weißgekleideten Mann, der zuvor noch ein Grab verschloss, um ein Begräbnis zu organisieren.
In einer Hütte angekommen, beginnt mit dem Öffnen der Hose des Mannes eine nicht diegetische Musik, welche die bisherige Stille ersetzte. Irritiert durch die sexuelle Handlung und das Gespräch, welches für mich keine Relation zum gezeigten Bild darstellte (bis auf den Fakt, dass die Stimmen der Charaktere stöhnten), runzelte ich die Stirn und blickte zu meinen zwei Kolleginnen, die mich aus der Dunkelheit mit demselben verstörten Blick ansahen.

Der nächste Morgen wird von einem Wecker eingeläutet und mit dem Griff des Mannes nach einer polnischen Zigarette. Die Gestalt eines Kardinals erscheint über seiner Schulter, tadelt ihn, dass er doch lokale beziehungsweise westliche Zigaretten rauchen solle. „Ein Emigrant bleibt für immer ein Emigrant“ sind die Worte der geistlichen Gestalt. Der Film wurde kurz nach dem Fall der Berliner Mauer veröffentlicht. Bleibt ein Emigrant tatsächlich immer ein „Emigrant“ - und wenn ja, was wäre daran so bedrohlich? Lebte mit der Öffnung des Eisernen Vorhangsund der neuerlichen Konfrontation mit dem „Anderssein“ ein Hass gegen jene „anderen“ auf? Konnte man diesen Hass auch bei den aktuellen EU-Wahl-Ergebnissen erkennen? Um ehrlich zu sein, dachte ich an diese Fragen nicht, während ich im Kino saß und noch immer schockiert war von  den vielen obszönen und auch frauenfeindlichen Geschehnissen, die sich auch in anderen Kurzfilmen, welche an diesem Abend präsentiert wurden, wiederholten. Nach dem fünften Film verlor ich langsam meine Konzentration und spätestens beim Kurzfilm „Ruski Make up“ (DE 2008) auch meinen Verstand. Dieser Kurzfilm gleicht mehr einem Musikvideo, da nur das Lied im Zentrum steht und dessen Sängerin als Erzählerstimme fungiert.

Nach der ersten Szene des Werks, in der sich der Kopf eines Clowns dreht und die Stimme von Mariola Brillowska ertönt, betritt ein Mann mit rotem „Hoodie“, bei welchem ich mir die Frage stellte, ob er womöglich den russischen Kommunismus darstellen solle, ein Wohnhaus. Von dem, was Brillowska singt, verstand ich: „Du brauchst eine Wohnung, hier ist Lenins Rat. Besuche deine Nachbarn [...] mach sie kalt.“ Auch hier kommt es wieder zur Gewalt an Frauen, speziell von Männern, die mich wieder eiskalt erschaudern ließen. Mehrfach werden Frauen von männlichen Charakteren vergewaltigt oder sogar getötet. Nach dem ersten Tod einer Frau hört man Mariola Brillowskas Stimme sagen: „Schminke den Nachbarn, schminke die Wahrheit“. Schminke die Wahrheit ist meiner Meinung nach eine sehr interessante Äußerung. Doch in diesem Moment konnte ich an nichts anderes mehr denken, als daran, ob wohl alle, die diesen Film, ohne dem Wahnsinn zu verfallen, verfolgten, vor Beginn des Films doch etwas anderes als nur eine gewöhnliche Zigarette geraucht haben.

Um wirklich ganz ehrlich zu sein, wusste ich nicht, wie mir geschah. Zwischen einem „beinahe epileptischen Anfall“ und der Frage, ob ich denn als angehende Filmwissenschaftlerin nicht doch lieber mal einen Blick auf das schwarze Brett der Österreichischen Hochschülerschaft blicken sollte, schnappte ich nach meinen Sachen und ergriff die Flucht. Draußen angekommen, nach einer Zigarette bettelnd und mit den Kollegen empört diskutierend, wirkte das Gesehene noch immer stark auf mich. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass es sich hier um  Kunst handelte, die nur aufregen soll, doch in den folgenden Tagen wurde ich eines Besseren belehrt und setzte mich tatsächlich an meinen Laptop, um die Filmwerke noch einmal anzusehen. Die Frage nach der geschminkten Wahrheit beschäftigte mich. Ist denn eine geschminkte Wahrheit noch als Wahrheit erkennbar? Brillowska kritisiert hier politische Missstände in Osteuropa, aber ist das Schminken der Wahrheit etwas, das wir auch von unseren – vor allem privaten – Medien kennen? Hätte der Medientheoretiker Marshall McLuhan das Make Up als „Message“ empfunden?

Mariola Brillowskas Werke ließen mich nicht mehr los - und die Fragen nach dem Nachbarn, welcher möglicherweise als Nachbarland gesehen werden kann, der geschminkten Wahrheit und dem ewigen Emigranten genauso wenig. Bis heute nicht.