Eine Welt aus Sein und Schein

Eine Filmkritik von Constanze Oedl

Dieser Kurzfilm ist eine Produktion, die von der bekannten Animationskünstlerin Mariola Brillowska unterstützt wurde, und so kann man schon im Vorhinein davon ausgehen, dass man ein spannendes und kreatives Ergebnis zu sehen bekommt. Arne Wallmann, ein Student von Brillowska, beschäftigt sich in dieser Zeichenanimation mit dem Thema des Nahtods, welches er in eine spannende Kurzgeschichte mit einem unerwarteten Ende verpackt. Sein und Schein, vorerst noch klar voneinander abgegrenzt, sind am Schluss des Films nicht mehr eindeutig zu trennen. Die Traumwelt des Protagonisten, die zuerst aus den Eindrücken seiner realen Welt entsteht, entpuppt sich sodann als Teil der Realität. Die Grenze zwischen Leben und Tod, die im Film durch die Wellenlinie am EKG dargestellt wird, zeigt uns Wallmann durch ein Hin und Her zwischen Realität und Traum. Sobald der Protagonist aber in seinem Traum stirbt, sieht man die Auswirkung im Operationssaal, der Herzschlag setzt aus und die Wellenlinie am EKG wird zu einer Geraden, die von dem markanten monotonen Piep-Ton begleitet wird.

Die Bilder der Traum- und Realwelt sind grundsätzlich sehr einheitlich gestaltet. Die Traumwelt unterscheidet sich jedoch vom OP-Zimmer in seiner Farbigkeit, da die matten und dunklen Braun- und Grüntöne sich stark von dem in Weiß und hell gehaltenen Operationsraum abheben. Jede Traumsequenz könnte für sich selbst eine kleine Geschichte erzählen, im Endeffekt aber drehen sie sich alle darum, dass der Protagonist dem Tod ins Auge blickt. Das zeigt die Anfangsszene auch gleich äußerst provokativ, wenn dem Protagonisten in Wurmgestalt das Auge mit dem Angelhaken ausgestochen wird. Die zweite Traumsequenz ähnelt der ersten, als der Protagonist, diesmal in Form eines Pilzes, abermals dem Tod nicht entkommen kann, denn er hat weder als Wurm noch als Pilz Arme, um sich zu wehren. Es wirkt, als würde das Unterbewusstsein die Handlungsunfähigkeit des Komapatienten im Traum bewusst machen. Dagegen wehrt sich der Patient letztendlich in der letzten Traumsequenz, die sich jedoch als wahr entpuppt. Der Protagonist dreht die Situation um, nun wird seinem Feind, dem Gärtner ein Dorn ins Auge gebohrt, während sich im OP-Saal seine Gedärme selbstständig machen und die drei Ärzte erwürgen sowie abermals ein Auge durchbohrt wird.

Zwar liegt die Schmerzgrenze, was Gewalt in Filmen angeht, bei jedem wo anders, doch hat Wallmann ein gutes Händchen gezeigt, die Situationen mit viel schwarzem Humor, nicht zu surrealistisch, aber für schwache Mägen durchaus verträglich zu gestalten. Ein Spiel mit Traum und Realität, Leben und Tod, vor allem auch mit der Lebendigkeit von Objekten. Es ist ein guter Tag zum Sterben, jedoch noch nicht der des Protagonisten.