Weniger ist mehr

Eine Filmkritik von Clemens Burghofer

Mit Boogodobiegodongo findet man einen Animationsfilm, der den Begriff Avantgarde in seiner reinsten Form zeigt und auf den ersten Blick undurchschaubar und planlos wirkt. Dieses Gefühl weicht dann aber früh einer lockeren und humorvollen Stimmung, das im gesamten Film aufrecht erhalten bleibt. Die Zeichnungen sind ungenau und schlampig und charakterisieren dadurch ein Gegenstück zu den heute so zahlreichen makellosen Animationsfilmen.

Peter Millard verzichtet auf punktgenaue und zeichnerisch aufwendige Illustrationen und schafft es trotzdem den Zuschauer zu fesseln, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, als hätte er sich sonderlich bemüht. Diese ungewöhnliche Art jemanden durch Unvollkommenheit und Fehler zu beeindrucken, lässt sich in Boogodobiegodongo bewundern. Er geht mit dem Stil in eine völlig andere Richtung, weg vom Mustergültigen, hin zur Lücke, die er in einem so übertriebenen und zahlreichen Maße präsentiert, dass es für jeden offensichtlich ist.

Auch wenn die Narration für den Betrachter kaum erkennbar wird und alles sehr beiläufig wirkt, steckt dahinter mit Sicherheit mehr, als man im ersten Moment vermuten würde. Die Konturen der Figuren und Objekte im Film verändern sich von Bild zu Bild, ohne aber diese zu zerlegen. Dieses Detail der sich umformenden Gestalten wirkt zwar anfangs noch etwas eigenartig, mit Fortdauer des Films aber gewinnt es an Sympathie und wird komisch und witzig, wodurch man leicht ins Schmunzeln gerät. Der Kurzfilm dauert knapp über vier Minuten und bedarf keiner Dialoge. Das Einzige auf der auditiven Ebene sind unterschiedlichste Toncollagen, die mit der visuellen Ebene eine Einheit bilden und das Gezeigte in ihren Bewegungen und Aktionen unterstützen. Einzelne Szenen werden teilweise bis in die Sinnlosigkeit in die Länge gezogen. Sie verlieren dadurch ihren Wert. Diese Reduktion beziehungsweise Vernichtung des Sinns ist in diesem Werk ein beliebtes Mittel. Peter Millard setzt damit ein Statement gegen den heutigen Animationsfilm, der viel zu oft perfekt und makellos ist.

Weniger ist hin und wieder mehr - und genau das macht er mit  Boogodobiegodongo sehr deutlich und klar. Ihm gelingt mit diesem Film ein ausgesprochen witziger und absurder Kurzfilm, der von seiner Schlampigkeit lebt und dem fehlerlosen Animationsfilm ein starkes Gegenstück präsentiert.

Boogo-Flash

Eine Filmkritik von Michael Gernot Sumper

Rasant, lustig, farbenfroh. So kommt Boogodobiegodongo, ein neuer Kurzfilm, daher. Am 24. Mai 2014 fand seine österreichische Erstaufführung im Stadtkino im Künstlerhaus statt. Wo wäre dieses Spektakel besser aufgehoben als im Programm Animation Avantgarde von VIS Vienna Independent Shorts, dem internationalen Festival für Kurzfilm, Animation und Musikvideo?

Dem ausgefallenen Titel nach kann so etwas ja fast nur Avantgarde sein. Bunte, menschenähnliche Figuren in Rot, Gelb, Grün, comic-artig mit schwarzen Umrisslinien und einfarbig bemalt, treiben auf weißem Hintergrund ihr Unwesen. Mit Stift und Pinsel handgezeichnet, entfaltet sich nicht nur diese eigenwillige Ästhetik vor uns, sie rast geradezu vor unseren Augen vorbei. Dazu hören wir flotte Musik, Saxophon und Schlagzeug, sowie unverständliche Laute, Geräusche und Nonsense-Gerede, zum Teil lautmalerisch. Da werden einfach gemalte Gesichter größer und kleiner, schwellen an und ziehen sich zusammen; Menschen verformen sich im Vorbeigehen. Zu lesen gibt es auch noch etwas, denn auch Text wird in gezeichneter Form eingeblendet, ein schönes Beispiel für die Kombination oder Verschmelzung von Text und Bild: Die Wörter werden zu Bildern, indem den Buchstaben plastischere Form verliehen wird. So erscheinen dreidimensional wirkende, fast greifbare, große, dicke Buchstaben, die genauso bunt und verformbar sind wie hier die Menschen. Knallig und actionreich erfolgt ein Spiel mit Formen und der Verformung von menschlichen Körpern. Was in der Realität nicht möglich ist, nicht existiert, wird hier ausgelotet, ausprobiert, bildhaft dargestellt. Das liefert neue Möglichkeiten der Zuordnung von Farben und Formen zu Körpern.

Auffallend sind auch die Wendungen oder Brüche im erwarteten Verlauf. Die zunächst schnelle, laute, chaotische Bildfolge mit vielen bunten Figuren wird mit einem harten Schnitt von einer weißen Figur abgelöst, die nur dasitzt und ins Leere starrt, dazu ein schrilles Winseln. Und ein weiterer Wendepunkt hakt in den Gesamtablauf ein, wenn plötzlich der gesamte bisherige Film wie zurückgespult rückwärts gezeigt wird – und dann wird das Bild einfach schwarz. An einer anderen Stelle erschlagen zwei Figuren eine dritte, die immer kleiner und plattgedrückt wird und tiefer und tiefer das Bild hinunterrutscht. Das dauert auffallend lange, eine ungewöhnlich lange Einstellung, was wieder ein komischer Effekt ist, weil unerwartet. Erwartungen werden also mehrmals gebrochen, so auch die Erwartung an einen Film im Allgemeinen, schließlich hat diese Animation keine Logik, keinen roten Faden, keine stringente Geschichte, sondern ist eine Abfolge von relativ unverknüpften, absurden Ereignissen. Spannung ist höchstens in Form von kleinen Spannungsbögen gegeben. „Was kommt als nächstes?“, fragt man sich von Szene zu Szene. Im Gesamten ist dieser Kurzfilm ein schrilles, absurdes Vergnügen mit dadaistischen Zügen und Tragikomik, wenn zum Beispiel einer erschlagen wird. Selten war schwarzer Humor so bunt und farbenfroh.

Filmemacher Peter Millard, der an diesem Filmchen mehr spontan als mit Plan gearbeitet hat, ist sich bewusst, dass manche Zuschauer den Film nicht mögen, andere schon. Er meinte nach der Vorführung, dass er es jedem überlasse, wie er reagiert. Für ihn war es ein Spaß diesen Film zu produzieren, und das soll man dem Film im Idealfall auch ansehen.
Das Lachen im Publikum bestätigt das.

The curious brain

Eine Kritik von Philipp Ziegelwanger

„I once lived in a Boogodobiegodongo and I felt better.“

Boogo. Die Zeichenanimation des Briten und „Royal College of Art“-Studenten Peter Millard beeindruckt mit einem energievollenm Minimalismus, schlicht in der Umsetzung, aber reich an Ideen, Aktion und Unterhaltung.

Dobie. Die Story des bei „Lago Film Fest“ und „Animafest“ lobend erwähnten Werkes lässt sich in der obigen Logline des Autors mehr als ausreichend beschreiben. Trotzdem oder gerade deswegen beeindruckt der Film durch seine permanenten Veränderungen, dem Wechsel im Spiel der Figuren, ihren Handlungen und Lauten. Geschickt haben Peter Millard und sein Kollege Antonio Zimmermann diesen Handlungen und Figuren stets die situationsgerechte, musikalische Untermalung beigefügt. Das Endprodukt ist Anti-Humor in seiner höchsten Güte.

Go. Auch wenn Sinnhaftigkeit und Bedeutungsstiftung nicht in der Absicht von Millard stehen, sind die bedacht gezeichneten Linien exakt ausgeführt und bringen in ihrer Vollständigkeit einen Lacher nach dem nächsten mit sich. Das Tempo, die Figuren und die Situationen wechseln im Sekundentakt und wiederholen sich minutiös. Alleine durch kleine Veränderungen gelingt es Millard, das Publikum in eine neue Gefühlswelt zu führen. Von starren Blicken, unterlegt mit einem hohen Frequenzton, bis zu melancholisch-tanzenden Figuren, die im nächsten Moment mit Steinen einen Artgenossen in Grund und Boden schlagen. Der eilige Schnitt, die Musik, einmal psychedelisch, dann friedlich, und die wechselnden, matten Farben – alles unterstützt die anarchische Entwicklung dieses humoristischen Gefüges. Auf diese Weise bekommt das Publikum mehr Eindrücke vermittelt, als es in manch Spielfilm der Fall sein mag.

Dongo. Vier Minuten, dann ist der Zuseher erlöst und wird mit purer Kuriosität zurückgelassen. Sollte sich Neugierde über die Beweggründe Millards auftun, sollte man sich den Kopf nicht allzu lange zerbrechen. Die Botschaft ist klar: Keine Konventionen, keine Logik, keine Botschaft. Boogodobiegodongo ist ein Film, der das Publikum im Unterbewusstsein erreicht und Emotionen aufkeimen lässt, die es nicht kontrollieren kann und auch nicht soll.