Bunte, naive Dynamik

Eine Filmkritik von Valentin Salihu

Was gibt es Schöneres, als sich nach einem gesehenen Film oder Kurzfilm zu fragen, was in aller Welt einem da eben vor die Augen geraten ist? Autour Du Lac von Carly Roosens und Naomi Marsily ist mit all seinem Überfluss an kindlicher Expressivität und Naivität auf alle Fälle solch ein Film. Dieses originelle und innovative Werk platzt regelrecht vor lauter Kreativität und lässt am Ende manch einen mit offenem Mund und völlig inspiriert dasitzen.

Wenn man diesen kurzen Animationsfilm zum ersten Mal sieht, hat man schon Vermutungen, dass Bild und Musik nicht unabhängig voneinander zusammengestellt wurden, sondern eher als Ensemble durch und durch miteinander verschmelzen – wie in einem Musikvideo. Man muss jedoch ein wenig in die Welt des Films hinein forschen, um herauszufinden, dass es sich tatsächlich um ein Musikvideo handelt. Carl Roosens, einer der Macher, ist Frontmann der experimentellen Band "Carl et les Hommes Boîtes". In deren zweitem Album soll jedes einzelne Stück durch ein Video zum Leben erweckt werden, und "Autour du Lac" ist eines dieser Stücke.

Wenn man versuchen würde, den Inhalt des Kurzfilms in Form einer Handlung wieder zu geben, würde das in etwa so aussehen:
Der "Protagonist" der Geschichte, wahrscheinlich Carl Roosens selber, "erzählt" in Form einer dynamischen und hysterischen Gesangsstimme von seinen Assoziationen und Erlebnissen in und um einen See herum. Jetzt könnte eine Liste angeführt werden, die diese Wahrnehmungen der Reihe nach aufzählt (wie zum Beispiel der "eisige Wind seine Fußknöchel und seinen Kopf umschleicht"), aber solch eine Liste wäre zum einen viel zu lang und zum anderen völlig überflüssig. Wichtig ist lediglich, was der Protagonist aus diesen Assoziationen macht. Dieser ist ein Mann mittleren Alters, dessen sentimentale Erscheinung vermuten lässt, dass er sich in einer Midlife-Crisis befindet. Das begründet sich auch in dem krankhaft scheinenden Zwang, ein wenig körperliche Bewegung zu unternehmen und ein paar Runden um den See zu laufen, wozu er sich scheinbar durch sein unmittelbares Umfeld gezwungen fühlt. Dies wiederum könnte auch auf  neurotische Charakterzüge schließen lassen.
Das Laufen um den See stellt dann den Mittelpunkt des Films dar, was auch der Refrain des Musikstücks noch betont: "Je marche autour du lac", also "Ich laufe um den See herum".  Und während er so seine Runden um den See läuft und  einem dabei so träge und unmotiviert wie nur irgend möglich erscheint, umgeben ihn die skurrilsten und schlichtweg buntesten Gestalten, die man sich vorstellen kann. Die Entwicklung des Liedes entspricht der Entwicklung des Bildes die fünf Minuten hindurch. Soll heißen: wenn die Musik dünn und minimalistisch ist, ist auch im Bild nicht viel zu sehen, wenn die Musik aber lauter und pompöser wird, so wird auch das Bild umso voller und bunter. Diese kontrastreiche Dynamik hat im letzten Refrain ihren Höhepunkt, wenn die extrem ausdrucksstarken Bilder durch den hysterischen Gesang und die schrillen Noten der Bläser getrieben werden.

Die Zeichnungen allesamt könnten von Kindeshand stammen. Sie sind nicht sauber oder einheitlich und machen oft auch gar keinen Sinn. Sie wurden auch alle mit Holzfarbstiften und teilweise Tinte angefertigt, was auf die Intention schließen lässt, der stark expressiven Musik durch die scheinbar große Expressivität eines Kindes gerecht zu werden. Animiert wurde nach dem Vorbild alter Zeichentrick-Animationstechnik, jedes einzelne Bild wurde gezeichnet und fotografiert, wobei auch Plansequenzen für die sich nicht bewegenden Hintergrund-Bilder verwendet wurden. Das Zusammenfügen der Bilder und die Montage erfolgte jedoch digital mit einer Animationssoftware.

Der Kurzfilm "Autour Du Lac" erscheint in all seinem Chaos, seiner übermäßigen Expressivität und Kreativität, seiner Naivität, seiner Dynamik und seiner Sinnlosigkeit, seiner Skurrilität und vor allem in seiner Lustigkeit als ein perfektes Beispiel für ein ineinander verschmelzendes Ensemble von Bild und Ton. Und man kann sich einfach über all die Bilder erfreuen, die eine Animation möglich macht und welche in der realen Welt eigentlich rational nicht möglich sind. Wie oft sieht man denn schon eine Ente schaukeln?

Achtung Ohrwurm!

Eine Filmkritik von Sophie Wick

Die Animation von Carl Roosens und Noémie Marsily erzählt die Geschichte eines Mannes, der wieder und wieder rund um einen See läuft. Autour du lac zeigt, wie sich Bild und Musik verbinden können und dadurch eine homogene Einheit bilden. In anfänglich deutlichen Bildern sieht man den Protagonisten, wie er schwermütig den See umkreist und an den anderen Besuchern vorbeiläuft. Durch die ständige diegetische bzw. nicht-diegetische Musik von Carl et les hommes-boîtes und dem wiederholten „Je marche autour du lac!“ bekommt die Animation eine Dynamik und Energie, die den Zuschauer sofort ansteckt. Gleichzeitig zur Musik kommt es zu Überlappungen von Bildern, welche dem Film zusätzlichen Schwung verleihen. In Abwechslung zwischen einfacher und detaillierter gezeichneter Animation, aber auch gemalter Darstellung zeigen die Animatoren ihr breitgefächertes Können.

Als es bei der Hälfte des Kurzfilms zu einem Zwischenschnitt kommt, wechselt der Stil und es sind plötzlich diverse Farben und Formen in allen Kombinationen zu sehen. Reizüberflutung setzt ein und dem Gezeigten ist schwer zu folgen. Die Überforderung hält an und der Zuschauer sieht auf schwarz gemaltem Hintergrund eine Reihe von Fantasietieren und -menschen und andere verrückte Formen. Gleichzusetzen wären diese Darstellungen mit Kunstwerken eines Kindes, also eher schwer zu deuten.

Nach Rückkehr zum See ertönt eine noch verzweifeltere Stimme neben einem kaum erkennbaren Mann. Es folgen immer mehr visuelle Überlappungen, alles wird undeutlicher und immer schwieriger verfolgbar. In der Kombination mit der andauernden gleichen Phrase des Songs kommt ein Gefühl der Bedrücktheit auf.

Man könnte sagen, der Protagonist wurde durch das ständige Umkreisen des Sees, den vielen verrückten Menschen rundherum und der wiederkehrenden Musik verrückt. Diesen Entwicklungsprozess versuchen die Regisseure Carl Roosens und Noémie Marsily darzustellen. Durch das Zusammenspiel von der penetranten Musik und den immer unerklärlicher werdenden  Zeichnungen spiegelt diese Kombination die Gedanken des Mannes wider.