Quadratisch weißer Luftballon

Eine Filmkritik von Maria Gladitsch

Atelier 1.0 ist ein Kurzfilm von Richard Negre, welcher Elemente von 3D-Animation sowie realen Raum beinhaltet. Mit einer Länge von einer Minute ist er einer der kürzesten, wenn nicht sogar der kürzeste aller teilnehmenden Filme der Sektion „Animation Avantgarde“. Wir alle wissen, eine Minute kann manchmal schrecklich lang sein, manchmal unfassbar kurz. Atelier 1.0 hat es für mich geschafft, die Minute zu teilen: Solange der quadratisch-weiße Luftballon, welcher vermutlich nicht einen solchen darstellen sollte, nicht im Bild war, erschien der Teil der Minute sehr lang. Sobald er im Raum auftauchte, war er schon fast wieder geflüchtet.

Die Nutzung eines sehr minimalistisch und kühl eingerichteten, realen Raumes als Grundlage für die Animation lässt viel Freiraum für Interpretation. Bewegung brachte, neben dem fast lebendig erscheinenden, quadratischen Würfel, eine ebenso quadratische Projektion eines alten Filmprojektors auf der Wand, dessen leises Surren das einzige Geräusch war, welches mir in Erinnerung blieb. Ich beschreibe den weißen Würfel als “lebendig”, da seine Bewegung (ein immer stärker werdendes “Atmen”) und die finale Flucht aus dem Fenster einer trotzig-wütenden Reaktion eines pubertären Teenagers ähneln. Ein Teenager in Gestalt eines kleinen, weißen, quadratischen Luftballons. Dieser Vergleich mag sehr weit hergeholt klingen, aber das sind nun mal meine Assoziationen mit diesem abstrakten, filmischen Kunstwerk.

Die Animation selbst erschien mir sehr gelungen, die Bewegungen sehr flüssig. Manchmal ist es gut, sein Können in einem kleineren, aber dennoch anspruchsvollen Projekt zu beweisen. Die Schatten, welche durch den ausnahmslos weiß gehaltenen Raum auffallend sind, wurden ebenso realistisch animiert. Ich bin mir bewusst, dass vermutlich einige Menschen aufgrund der Kürze und der minimalistischen Form der Animation diesen Film ablehnen werden, aber es waren genau diese Attribute, die mich beeindruckten. Das zentrale Objekt lässt sich mit allerlei Dingen und Situationen assoziieren, und so bildet sich jeder Zuschauer seine eigene Geschichte um den kleinen, quadratischen, weißen Luftballon.

Fazit: Atelier 1.0 „raubt“ einem eine Minute der eigenen Zeit, die vermutlich jeder von uns weit sinnloser verbringen könnte als mit dem Ansehen dieses Clips. Er ist es wert. Kurz und knapp liefert er genug Material zum Denken. Das Richtige für aufgeschlossene Querdenker, die nicht nach Länge und Aufwand urteilen.