Von der Sterbenskrankheit des Teufels

Eine Filmkritik von Lilith Bolle

Was passiert, wenn der Teufel die Tierarztpraxis eines Engels wegen Knieschmerzen aufsucht? Mariola Brillowska hat da so einige Ideen. In dem animierten Kurzfilm Allergy Test inszeniert sie eine solche Szene. Im Publikumsgespräch vor der Vorführung bei den Vienna Independent Shorts verrät Brillowska zögernd das Geheimnis dieses Films, wie sie es nennt: Als Tonmaterial für die Animation dient ein Gespräch zwischen ihrer Tochter und einem Freund von Mariola Brillowska. Im Film werden sie als Engel (Tierärztin) und Teufel (Patient) animiert dargestellt. Die Stimmen sind jedoch so in die Tiefe gezerrt, dass die Kindlichkeit der Stimme erst durch die Absurdität der Diagnosen und Behandlungsmethoden sowie den Satzbau und die Wortwahl deutlich wird.

Auch sonst hat der Film nicht viel mit einem liebevoll gestalteten Kinderfilm gemein. Die Figuren sehen hart und gruselig aus, Farben wie Giftgrün und Rot herrschen vor, und aus dem Wasserhahn tropft Blut, das sich in einer riesigen Blutlache am Boden sammelt. Die Bewegungen sind ruckartig und das Szenenbild erinnert stark an ein Bild, das mit Paint gemalt wurde. Schnell diagnostiziert der Engel die Sterbenskrankheit. Doch die eigentlich wahre Methode um rauszufinden, was der Patient denn hat, ist wohl immer noch der Allergietest. Allergy Test ist sicher einer der harmloseren Filme, die Mariola Brillowska produziert hat und in denen sonst vor allem Gewalt, Kritik an Gesellschaft und Politik und Sexualität eine große Rolle spielen. Vielleicht ist ihre Tochter in diesem Sinne eine besänftigende Komponente für Brillowskas Werk, die auch in weiteren Animationsfilmen von Brillowska und auch ihren Studierenden vor allem mit ihrer Stimme anwesend ist.

Mariola Brillowska brilliert mit ihrem Film, indem sie zeigt, dass ein Zeichentrickfilm keine Technik ist, die nur für Kinder funktioniert. Von Animationsfilmen, bei denen  dokumentarisches Tonmaterial als Grundlage dient, ist bekannt, dass problematische Themen durch die Animation sanfter und auf subtilere Art und Weise an den Zuschauer gebracht werden können und eine Identifikation mit den abstrakt gestalteten Figuren oft leichter fällt. Es scheint, als dreht Brillowska an dieser Stelle den Spieß um. Den kindlichen Fantasien ihrer Tochter wird durch die Animation eine groteske Komponente zugefügt. Die Dialoge sind alleine sicherlich schon lustig. Doch durch die Animation gewinnt das Tonmaterial eine weitere Dimension, die zum Lachen, Schaudern und Nachdenken anregt.

Geht ein Mann zum Arzt…

Eine Filmkritik von Andreas Müllauer

Kennen Sie den schon? Ein Mann geht mit wackelnder Kniescheibe und eitrigen Augen zur Medizinerin seines Vertrauens, erhofft sich Behandlung und Heilung, bekommt aber stattdessen lediglich den Ratschlag, sich die Zähne zu putzen, enorm viel Hustensaft zu trinken sowie Obst, Pfannkuchen und Zuckerwatte zu sich zu nehmen. Ein Mittagsschläfchen könne auch nicht schaden. Äußert der Patient Bedenken ob dieser unkonventionellen Therapie, behauptet die Ärztin aalglatt: "Ich habe am Objekt nachgesehen und da stand, ich soll das machen. Außerdem bin ich die einzige Ärztin, die alles nur weiß."

Was wie der Auftakt zu einem schalen Anti-Witz klingt, ist tatsächlich der Beginn von Mariola Brillowskas knapp siebenminütigem Animationsfilm Der Allergietest. Die Regisseurin hat sich bei der Besetzung nicht lange umsehen müssen. Die chaotische, aber von sich selbst überzeugte Ärztin Dr. Brillowska wird von ihrer eigenen minderjährigen Tochter Bela gesprochen, während ihr langjähriger Freund Felix Kubin, seines Zeichens Musiker und Hörspielmacher, den Part des bierernsten Patienten übernimmt. Zwischen beiden entfaltet sich ein verrückter Dialog, in dessen Zuge Dr. Brillowska immer aberwitzigere Behandlungsmethoden vorschlägt ("Dreimal am Tag baden, fünfmal die Hände reinigen!"), welche der Patient namens Kubin nüchtern und mit stoischer Höflichkeit kommentiert ("Darf ich denn wenigstens warm duschen?").

Die Infantilität der Sprechstunde schlägt sich auch in der bunten Animation nieder, die an ein Kindermalbuch erinnert, in dem den vorgegebenen Zeichnungen eigene kindliche Details hinzugefügt wurden. So tritt der biedere Patient in rothäutiger, gehörnter Teufelsgestalt auf, während sich die konfuse, selbsternannte Tierärztin durch engelsgleiche Flügel auszeichnet, die ihr aus dem Rücken sprießen. Beide ignorieren völlig das von der Decke tropfende und aus dem Waschbecken fließende Blut (oder ist es rote Farbe?) und fegen im Laufe des Gesprächs  mehrmals beiläufig einen blassen, dreibeinigen Dackel vom Tisch, der sich dort nach vorheriger Behandlung sein Domizil eingerichtet hatte.

Mariola Brillowska setzt der freimütigen  Fantasterei ihrer Tochter ein filmisches Denkmal, indem sie auch noch jede so haarsträubende Äußerung von Dr. Brillowska mit farbenfrohen Animationsbildern unterfüttert, während sie gleichzeitig einen kritischen Blick auf die unreflektierte Hörigkeit von Patienten wirft, die jede groteske Diagnose und Therapie der Halbgötter in weiß für bare Münze nehmen.

Die Doktorin, der ein Strom aus Pillen aus dem offenen Mund purzelt ("Wenn was ich esse, dann weiß ich immer viel mehr!"), fordert indes Kubin zu einem Allergietest auf. Sie schickt ihn nichtsdestotrotz unverrichteter Dinge und mit einer wirren Wegbeschreibung, welche sie auf dem gerade ausgestellten Rezept notiert, hinaus. Kubin geht zögerlich, nicht wirklich schlauer oder gesünder als zuvor. Trotz seiner Teufelshörner und den ihn umgebenden Farbexplosionen ist Kubin das perfekte Abbild eines jeden Patienten, der gerade das Sprechzimmer seines Arztes verlassen hat. Er hat nicht viel vom zuvor Gesagten verstanden. Es geht ihm gesundheitlich nicht wirklich besser. Er hat ein Rezept in der Hand und wird woanders hingeschickt. Die Zeichentricksprechstunde als praxisnahe Realität, oder vielmehr als die Realität in den Praxen.

Kennen Sie den schon? Was ist der Unterschied zwischen einem Dieb und einem Arzt? Der Dieb weiß, was seinem Opfer fehlt. – Schenkelklopfer!

Eine unrealistische Realität

Eine Filmkritik von Allesch Birgit

Mariola Brillowskas Arbeiten wurden seit jeher von Kontroversen begleitet. Gleichzeitig war man sich aber über eines einig: Entweder man lobt oder man straft ihre Werke. Einen Standpunkt dazwischen gibt es nicht. Man muss aber zugeben, dass es schwer ist einen Mittelweg zu finden, stürzt sich die Künstlerin doch selbst von einem Extrem ins andere, was nicht zuletzt Allergy Test und Porno Karaoke International - zweiFilme, die zumindest auf inhaltlicher Ebene nicht konträrer sein könnten - bestätigen. Während Allergy Test einen in die Zeit des kindlichen Rollenspiels zurückversetzt, erinnert Porno Karaoke International, wie auch der Name schon verrät, an die schlüpfrigen, ursprünglich aus Japan kommenden Hentai-Filmchen.

Die in Porno Karaoke International von Jan Bauer gezeichneten und von Brillowska animierten Figuren werfen die Frage auf, ob sie überhaupt irdische Wesen darstellen. Ihre ostentativ gezeigten Geschlechtsorgane lassen einen allerdings jegliche Zweifel sofort wieder verwerfen. In fünf Szenen werden fünf Ereignisse gezeigt, die grundsätzlich voneinander unabhängig sind. In Moskau lassen sich winzige Männchen, die mit Präservativ-Fallschirmen von der Decke herabgleiten, auf Frauen nieder. In Bagdad nähern sich US-amerikanische Truppen mit penisförmigen Panzerrohren weiblichen siamesischen Zwillingen, die doppelte Freude versprechen. In Budapest gibt es einen mit zwei Penissen gesegneten Spinnenmann. Und während in Reykjavik eine Patientin mit Katzenohren von nackten Ärzten behandelt wird, ersteht im Vatikan der Papst wieder auf, um seine mit Sonnenbrillen gestylten Engelchen mit seinem heiligen Penis zu verwöhnen. So einzigartig die fünf Schauplätze auch sind, so haben sie dennoch eines gemeinsam: lasziven Sex.

Mit Allergy Test hat dieser Film nur wenig gemein, höchstens, dass den gezeigten Dingen auf unorthodoxe Weise Farben zugewiesen wurden, die noch dazu dem Schrillen und Grellen verfallen sind, sowie die zweidimensionale analog-digitale Animationstechnik. Beide Filme fallen in die Kategorie des Zeichentrickfilms. Dabei erzeugen handgemalte Einzelbilder, die vom einen zum nächsten Bild zwar neu gezeichnet, aber auch ein wenig verändert und eingescannt oder abfotografiert werden, bei schneller Projektionsabfolge eine Bewegungsillusion. Die Kolorierung erfolgte bei diesen beiden Filmen nachträglich am Computer.

Allergy Test basiert auf einer Improvisation von Mariola Brillowskas Tochter Bela und Felix Kubin zum Thema Arztbesuch. Während in Porno Karaoke International die Bilder im Vordergrund stehen beziehungsweise Sprache überhaupt fehlt, werden in Allergy Test Bilder hauptsächlich zur Unterstützung des Dialoges verwendet, der das Herzstück bildet. Ein Patient, dargestellt mit teuflischer Grimasse und Hörnern, sucht Rat bei Frau Doktor Brillowska, die eigentlich Tierärztin ist und mit ihren Flügeln und ganz in Weiß gekleidet wie ein Engel erscheint - sein bisher unbehandeltes wackliges Knie hat mittlerweile offenbar schon Auswirkungen auf die Gesundheit seiner Augen. Zur Behandlung muss er aber einfach nur Zuckerwatte essen, denn „dann werden die Zähne ja schlecht und das ist gut, weil dann wird das mit dem Schlechten weggeranzt“. Da sich der Patient - man möchte fast meinen, dieser kennt sich selbst besser aus - aber nicht einfach auf so „ungewöhnliche Methoden“, von denen der Film übrigens noch viele weitere anbietet, verlassen will, wird schlussendlich doch noch ein Termin für einen Allergietest vereinbart. Was Allergy Test so sympathisch macht, ist das Phänomen, dass etwas nach außen hin Unverständliches plötzlich Sinn macht. Während die Ratio im Gesagten nichts als Unsinn erkennen kann, stimmt das Unterbewusstsein den Schlussfolgerungen zu, und das alles nur, weil man selbst einmal dort war, in der Kindheit. In einem in sich kohärenten System, wo alles logisch scheint, solange man nur argumentiert und begründet.

Was man im Endergebnis sieht, ist für Brillowska nichts anderes als die „Realität, das, was man erlebt und wie man lebt, durch die Nudelpresse gezogen“. Behält man sich dies bei der Rezeption von Porno Karaoke International im Hinterkopf, bekommt das erst voluptuös Erscheinende eine negative Konnotation. Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung, Themen, die Brillowska in den meisten ihrer Arbeiten behandelt, werden angesprochen. In vier Minuten beleuchtet sie Dinge, die im Regelfall in der Dunkelheit bleiben, und erinnert somit unter anderem daran, dass nicht vergessen werden darf, dass Krieg nicht nur unzählige Menschenleben kostet, sondern, dass er mit seinen Soldaten die Integrität vieler Frauen verletzt, oder dass die Kirche mit zahlreichen Missbrauchsfällen gegen die eigens aufgestellten moralischen Normen verstößt.

Bei Brillowska darf nichts gerade sein, „sonst wird es unkreativ“. Mit Allergy Test und Porno Karaoke International folgt sie, wenn auch auf zwei verschiedenen Wegen, ihrer eigenen Devise: „Haarscharf daneben“. Die beiden Animationskurzfilme mit ihren auf den ersten Blick nicht gerade ästhetischen neonfarbigen Figuren und provokanten Inhalten sind einzelne Mosaiksteine, die mit anderen Filmen, Gemälden, Texten und Performances die Welt Brillowskas bilden. Dort scheint nichts normal zu sein oder, und so würde sie selbst es vielleicht sagen, das Abnormale ist normal. Wenn man den Corpus Operis Brillowskas und stellvertretend dafür Porno Karaoke International und Allergy Test betrachtet, die im ersten Moment grob und unverständlich erscheinen, dann kann man verstehen, warum man von einem „Universum Brillowska“, einer Welt außerhalb der unseren spricht. Aber wenn man die Ausführungen der Künstlerin über ihren Arbeitsprozess nicht ganz außer Acht lässt, nämlich, dass sie beim Erschaffen eines neuen Kunstwerks innerlich aufräumt und Eindrücke verarbeitet, und wenn man einmal nicht auf die Vernunft, sondern auf die leise Stimme in sich hört, die man mit zunehmendem Alter immer stärker versucht zu unterdrücken, dann beginnt man sich die Frage zu stellen, welches der beiden „parallelen Universen“ einem wirklich fremd ist: Brillowskas oder jenes, das das Fundament ihres Universums ist, das unsere?