TRAUMHAFTES GRAUEN

Eine Filmkritik von Franziska Gschwendtner

Airy Me vereint den gleichnamigen Song von Cuushe mit der Animation von Yoko Kuno in einem traumartigen Musikvideo-Kunstwerk. Der Song selbst ist sehr ruhig und melancholisch. Er lebt von der Stimme der Sängerin und wirkt aufs erste Hören unter Umständen etwas befremdlich, evoziert aber zweifelslos eine Stimmung die, der vermeintlichen Leichtigkeit des Liedes zu Trotz, als sehr bedrückend oder sehnsuchtsvoll empfunden werden kann. Dennoch ruft der Song alleine keine negativen Gefühle hervor, was sich durch das Zusammenspiel von Bild- und Tonebene ändert: Das was hier gezeigt wird ist nicht von dieser Welt. Es beginnt als Traum und endet in einem Albtraum. Die Animation an sich ist eine schlichte Zeichenanimation, deren Grundton ein helles Gelb ist. Figuren und Gegenstände sind durch ihre linearen Umrisse dargestellt. Zum großen Teil weicht das Video nicht von diesem Farbschema ab. Schattierungen und einzelne, kurze Sequenzen sind von einem flackernden Farbenspiel bestimmt, kräftige Farben sucht man vergeblich. Sehr bezeichnend für die visuelle Erfahrung sind die Fahrten und Flüge die wir als Zuschauer vornehmen. Befinden wir uns soeben noch in der Vogelperspektive, so rasen wir schon durch ein Fenster, welches in zartes Bunt zerbricht, in den Haupthandlungsort der Geschichte, ein mysteriöses Krankenhaus. In diesem Krankenhaus ereignen sich nach und nach grausame, befremdliche Dinge. Unsere Perspektive ändert sich ständig, es ist ein fortlaufendes Wirbeln, Fliegen und Drehen, alles bleibt in Bewegung und es gibt keinen Halt. Großteils folgen wir einer Krankenschwester, die ihrer täglichen Pflicht nachgeht, bis schließlich ab etwa der Mitte der Geschichte das Grauen ausbricht. Ein junger Patient mutiert nach einer Injektion zu einem Wesen, das dem Fehlschlag eines medizinischen Experiments gleicht und die Krankenschwester angreift. Wir nehmen die Perspektive der Krankenschwester ein und hinter jeder Ecke des Krankenhauses lauert etwas potentiell Böses. Man erhält den Eindruck alles könnte sich plötzlich in einen Angreifer verwandeln.

Der Widerspruch zwischen dem Dargestellten auf der einen Seite und der Art der Darstellung inklusive des Songs auf der anderen Seite ist wesentlich. Dieser Widerspruch schafft Intensität und erzeugt eine drückende, traurige Stimmung. Zu sagen, dass das Video sehenswert ist, wäre zu kurz gefasst. Bei diesem Video handelt es sich vielmehr um ein seltenes emotionales Erlebnis welches Ruhe, Trauer und Horror zu kombinieren vermag.

Am Ende wird gar nichts gut

Eine Filmkritik von Jasmine Grace Wenzel

Alpträume lassen sich wie alle Träume kaum in Worte fassen, wenn man kein fotografisches Traumgedächtnis besitzt. Nur das bestürzende Gefühl welches die post-traumartige Erinnerung ausmacht bleibt, trotz der mangelhaft fassbaren Handlung. Ähnlich betroffen ist man nach dem auf 3000 Bildern handgezeichnete Musikvideo von Yoko Kuno. An die einfachen Formen und Farben von Animes aus der Kindheit anmutend, weckt das Video nostalgische Erinnerungen. Mit düster abgetönten Pastellfarben und der im Kontrast dazu stehenden ruhigen, atmosphärischen Musik entfaltet sich dabei eine aufwühlende Grundstimmung. Diese entwickelt sich anhand von diffusen Bildern, die das sich anbahnende, beängstigende Geschehen in einem Krankenhaus darstellen. Die permanenten und in einander übergehenden Kamerafahrten tragen außerdem zu dieser Empfindung bei. Sie zeigen flatterhaft -  wie aus der Perspektive der Schmetterlinge, die sich durch das ganze Musikvideo bewegen -  die mysteriösen Behandlungen, die an einer kindlichen Patientin durchgeführt werden. Mit schnell vorbeiziehenden Kamerafahrten wird auch der Prolog eingeleitet, in dem das junge Mädchen in einen Apfel beißt und anschließend in Ohnmacht fällt, bevor die eigentliche Haupthandlung beginnt. Ihre melancholischen traurigen Augen spiegeln die Grundstimmung wieder.

In einem Krankenbett wacht sie wieder auf, die Krankenschwester verabreicht ihr eine Spritze. Unnatürlich zuckt der Inhalt der Spritze durch ihre Adern. Die anschließende Szene mit kühler und dunkler Farbgebung zeigt einen Arzt der mit Chemikalien arbeitet. In fragmentarischen Bildern entsteht ein Zusammenhang zwischen den Experimenten des Arztes, die einen Apfel mit Raupen darin hervor bringen und der Behandlung des Mädchens. Die Krankenschwester füttert das Mädchen mit einem Apfel, woraufhin die Situation umschlägt: das Kind mutiert nach einem Bissen zu einem morphenden Monster, platzt aus ihrem Körper und greift die Krankenschwester an. Die Verantwortlichen sollen zur Rechenschaft gezogen werden.

Typisch für einen Alptraum ist das verfolgt werden. Es wird aus der Perspektive der flatternden Schmetterlinge gezeigt, die auch aus dem morphenden Monsterkörper entstehen und die Krankenschwester allmählich einholen. Gleichzeitig erscheinen Bilder die eine alternative Variante der möglichen Handlung aufzeigen. In dieser endet die Verfolgungsjagd mit einer versöhnenden Umarmung der Krankenschwester. Zurück bleibt nach diesen beiden Enden eine junge Frau mit traurig glänzenden Augen, auf dem Fußboden liegend. Unklar bleibt, was nun genau passiert ist.

Basierend auf dem Song der japanischen Sängerin Cuushe schuf Yoko Kuno mit ihrer bestechend schönen universitären Abschlussarbeit ein sanftes und doch poppiges Alptraumerlebnis, das mit dem atmosphärisch ruhigen Klang der Musik eine genau abgestimmte Einheit bildet.
Die traumhaft sanfte Musik steht im Kontrast zu den alptraumhaften Bildern. Die Stimmung jedoch wirkt unschuldig, kindlich und deswegen umso beängstigender, weil diese Ambivalenz kein so stimmiges Bild ergeben will. Das Musikvideo klingt ab, der Traum ist vorbei und hinterlässt den Eindruck von tiefer Betroffenheit.